Recotard's Blog

Die Reste aller möglichen Welten

Archiv für Januar 4th, 2012

Die Entschuldigung

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Der Regieeinfall, die blasse Elendsfigur vor einen tiefroten Hintergrund zu setzen, ließ hoffen, doch blieb er gegen das vorhersehbare und öfters plump komische Script und die monotonen Darsteller machtlos. Man sehe nur, wie gleich zu Beginn eine Pointe verschenkt wird:

Schausten: Waren Sie es bisher nicht? Ein guter Bundespräsident?

Wulff: Doch, aber es wird ja im Moment gerade über die letzten Wochen gesprochen und da steht es in Abrede und man muss am Ende nach fünf Jahren bewerten und beurteilen. Ich glaube, auch vor drei Wochen über die ersten anderthalb Jahre wäre ein gutes Urteil ausgefallen.

Gewiss, das gute Urteil wäre ausgefallen. Aber ohne Studiogelächter – Atempause, damit der Wortwitz durchsickern kann – klappt die Pointe nicht, ebenso wie die folgende:

Das heißt, ich musste ja auch einen Lernprozess machen. Ich bin vom Ministerpräsidenten zum Bundespräsidenten ja sehr schnell gekommen, ohne Karenzzeit, ohne Vorbereitungszeit. Das ging sehr schnell. Und ich bin aus Hannover nach Berlin gekommen…

Hier hätte sich eine Rückblende angeboten (Weichzeichner, Zeitlupe und Geigenmusik: Wulff steht in kurzen Hosen in Hannover und nimmt wehmütig seinen Koffer auf), aber stattdessen sehen wir nur Schausten und Deppendorf, und Wulff erkennt zu Recht:

Nein, ich muss mein Verhältnis zu den Medien herstellen, neu ordnen, anders mit den Medien umgehen, sie als Mittler stärker einbinden und anerkennen.

Zu spät will er, nach langen, glücklichen Jahren mit Bild und Bierdeckeln, erkannt haben:

Das ist eben auch dann der Preis der Popularität, der Bekanntheit, der Öffentlichkeit, dass man Dinge offenbaren muss, wo viele andere sagen: Das würd’ ich doch niemals offenbaren, ich möchte doch niemals, dass das über meine Stiefschwestern, Kinder, Verwandten,

Häuser, Kredite, Flüge, Urlaube, Drohanrufe,

Geschichten in der Zeitung stehen. (…) aber ich sage, ich habe einen Fehler gemacht, aus innerer Überzeugung.

Hier versäumt Wulff eine dramatische Pause.

Letztlich gibt es natürlich auch Persönlichkeitsrechte, es gibt auch Menschenrechte, selbst für Bundespräsidenten und auch deren Freunde, deren Angehörige, und ich möchte nicht Präsident in einem Land sein, wo sich jemand von Freunden kein Geld mehr leihen kann. Das, will ich auch mal sagen, sollten wir auch im Blick behalten.

Hier fehlt die Einblendung des Spendenkontos. Glücklicherweise ist Wulff Kummer gewöhnt und lässt das enttäuschende Spektakel mit einer heroischen Note ausklingen:

Ich bin jetzt schweren Herausforderungen ausgesetzt, aber man muss eben auch wissen, dass man nicht gleich bei der ersten Herausforderung wegläuft, sondern dass man sich der Aufgabe stellt, und auch weiß, wem es in der Küche zu heiß ist, der darf nicht Koch werden wollen, wie es Harry S. Truman gesagt hat, und deswegen muss man offenkundig auch durch solche Bewährungsproben hindurch.

Die Kamera fährt zurück, zeigt den immer kleiner werdenden Wulff vor dem Bellevue, neben ihm Frau und Kind, während begeisterte Bürger fähnchenschwingend auf ihn zulaufen, und schwenkt schließlich unter Chorgesängen in den sternenbesäten Nachthimmel. Das Licht im Saal geht an, Minijobber beginnen die Sitzreihen von Erbrochenem zu reinigen.

Geschrieben von recotard

4. Januar 2012 um 23:14

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Niemand versteht ihn

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… Sollte das Blatt den kritischen Artikel über seinen 500.000-Euro-Privatkredit beim Unternehmerehepaar Geerkens abdrucken, werde dies strafrechtliche Konsequenzen für den zuständigen Redakteur haben. Wie die “Süddeutsche Zeitung” darüber hinaus berichtet, habe der Bundespräsident zudem vor einem “endgültigen Bruch” mit dem Verlag Axel Springer (…) gewarnt, sollte die “unglaubliche” Geschichte tatsächlich erscheinen. Für ihn und seine Frau sei “der Rubikon überschritten”, habe sich Wulff sehr nachdrücklich empört. Sogar von “Krieg führen” soll die Rede gewesen sein. Auch beim Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, rief das Staatsoberhaupt an diesem Tag an, um die erstmalige Berichterstattung über den Privatkredit zu verhindern. (abendblatt.de)

Mit seinem Anruf beim BILD-Chefredakteur wollte Wulff nichts verhindern, sondern habe lediglich „um einen Tag Aufschub gebeten“. (bild.de)

Ein paar Tage vor der Veröffentlichung des Artikels hat die Redaktion schriftlich Fragen an den Bundespräsidenten gestellt – alle blieben unbeantwortet. Stattdessen gingen in der Redaktion mehrere Anrufe aus dem Bundespräsidialamt ein mit dem Ziel, die Geschichte zu verhindern. Als klar war, dass wir den Artikel trotzdem veröffentlichen wollten, wurde einer der Reporter am Samstag wenige Stunden vor Redaktionsschluss ins Schloss Bellevue gebeten. Dort drohte der Bundespräsident unserem Reporter in einem langen Vier-Augen-Gespräch damit, dass er im Falle einer Veröffentlichung sofort eine Pressekonferenz einberufen und dort erklären würde, dass die “Welt am Sonntag“ eine Grenze überschritten habe. Außerdem kündigte er an, jede Zusammenarbeit mit der “Welt” zu beenden, falls das Stück publiziert würde. Unser Reporter, ein erfahrener Journalist, war sehr überrascht von dem Vorgang und sagte mir, er habe diesen Teil des Gesprächs als eisig und sehr heftig empfunden. Nach dem Gespräch versuchte Wulff an höchsten Verlagsstellen, unter anderem beim Vorstandsvorsitzenden zu intervenieren. (welt.de)

Der „Welt“-Redakteur, den er zu einem Gespräch eingeladen hatte, habe sich sogar „gefreut“, so Wulff. (bild.de)

Geschrieben von recotard

4. Januar 2012 um 20:03

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