Recotard

They've got a god in the basement you can use.

Niederschwellige Vermittlung

leave a comment »

Caritas Socialis lädt zu “demenzfreundlichem Gottesdienst”:

In drei Projektgruppen wird an den Themen “Solidarität im öffentlichen Raum”, “niederschwellige Vermittlung von Demenz” und dem Projekt “demenzfreundlicher Gottesdienst und Marktplatz” gearbeitet, so die Aussendung.

Written by recotard

18. September 2014 at 10:58

Veröffentlicht in dessen

Tagged with

Mors praecox

with one comment

Der CDU-Abgeordnete Michael Brand differenziert:

Die palliative Sedierung will Schmerzen ausschalten, nicht Leben „ausknipsen“. Der Tod kann dabei als Nebenwirkung eintreten, ist aber niemals Ziel – das ist der entscheidende Unterschied.

Der Tod als Nebenwirkung ist also strikt zu unterscheiden vom über das Ziel hinaus schießenden sog. vorschnellen Tod (mors praecox):

Beim Kampf gegen vorschnellen Tod kommt es auf mehrere Ebenen an: gesetzlich muss organisierte Suizidbeihilfe gestoppt werden. Zugleich müssen erhebliche Verbesserungen von Palliativmedizin und Hospizen erreicht werden.

Der Tod darf nicht vorschnell kommen. Denn:

Mir liegen Berichte und sehr persönliche Briefe vor, dass Ältere und Kranke einfach Angst haben, später zum Suizid gedrängt zu werden.

Nehmen wir das Argument ernst. Es gibt Menschen, die unter der schrecklichen Angst leiden, dass sie in ihren schwachen Tagen von gewissenlosen Aasgeiern umgeben sein könnten, die sie zum Suizid drängen. Ist diese Angst realistisch? Handelt es sich vielleicht um anekdotische Einzelfälle ohne Beweiskraft? Nein: Brand und jene, die argumentieren wie er, wissen, dass die Menschen sündig und schwach sind. Reicht man ihnen eine Waffe, dann schießen sie. Weder Christentum noch Aufklärung, keine Philosophie und keine Herzensregung haben es vermocht, etwas an der grundsätzlichen Dreckigkeit unserer Gattung zu ändern: Es gibt kein Ideal, das sich nicht im Handumdrehen in sein Gegenteil verwandeln könnte, und so muss auch das Recht auf den eigenen Tod, für das ich vorschnell plädiert habe, unversehens zur abgenötigten Pflicht werden. Nein, Freiheit ist ein trügerischer Traum: Damit wir nicht auf der abschüssigen Bahn Amok laufen, müssen dringend Sperren errichtet werden. Denn wir wollen natürlich niemandem auch nur einen Tag von seinem Leben in dieser irdischen Hölle abzwacken.

Written by recotard

15. September 2014 at 18:06

Veröffentlicht in dessen

Tagged with

Missionieren, aber richtig!

with 5 comments

Es gibt im Christentum Dinge, die ich nicht verstehe. Dinge, die sich nicht einfach wegrationalisieren oder -psychologisieren lassen. Dinge, die dem menschlichen Verstand unfassbar sind und dabei dennoch unleugbar und unübersehbar. Ich rede natürlich von Youcat.

Youcat ist, so Wikipedia, der 2011 veröffentlichte offizielle Jugend-Katechismus der römisch-katholischen Kirche. Das Werk findet in der katholischen Jugendarbeit weltweit Verwendung und ist in 30 Sprachen erschienen. Und weil Youcat für die Jugend gedacht ist, werden wir auf der offiziellen Homepage auch geduzt:

Hallo, und guten Tag! Ihr seid auf der internationalen YOUCAT-Seite gelandet! Hier findet Ihr alles, was Ihr über den Jugendkatechismus der Katholischen Kirche wissen möchtet. Das Buch wurde zusammen mit Jugendlichen entwickelt. Weltweit sind daraus Gesprächsgruppen und neue Initiativen daraus entstanden. Ihr könnt mitmachen!

Wäre ich ein Jugendlicher, fände ich das vielleicht gut: Hey, die Kirche ist ja gar nicht verstaubt, sie spricht mit uns, in unserer Sprache! Und dann würde ich mich neugierig durch die Youcat-Seite klicken, wo ich auch wirklich alles finde, was ich über Youcat wissen möchte – mit der einzigen Ausnahme des Youcat: Der ist weder online zu lesen noch downloadbar. Ich erfinde das nicht: Während selbst der olle “normale” Katechismus online ist, erwartet man von den Jugendlichen des 21. Jahrhunderts, denen man doch die Lehre der Kirche nahe bringen will, tatsächlich, dass sie das Buch für 12,99 € kaufen. Wäre ich ein Jugendlicher, wäre dies die Stelle für ein FAIL-Meme und der Beginn einer langen Karriere im Relativismus, selbst wenn mir, weil ich das Buch nicht kaufen würde, das Vorwort Benedikts nicht bekannt wäre, wo er sagt:

Ihr wisst alle, wie tief die Gemeinschaft der Glaubenden in letzter Zeit verwundet wurde durch Attacken des Bösen, durch das Eindringen der Sünde selbst in das Innere, ja das Herz der Kirche. Nehmt es nicht zum Vorwand, Gottes Angesicht zu fliehen! Ihr selbst seid der Leib Christi, die Kirche!

Written by recotard

14. September 2014 at 12:18

Veröffentlicht in dessen

Der Genderismus und seine Feinde

with 5 comments

Gabriele Kuby gibt ein Interview:

I think this issue of sexuality is the main attack on the dignity of the human being, and on society as a whole, because if a society lets go of its morality in general, and especially in the area of sexuality, it tumbles into anarchy and chaos, and this can result in a new totalitarian regime by the state.

Moral bedeutet in diesem Kontext der Menschenwürde natürlich, dass nicht jede/r wild durcheinandervögeln darf, denn

if we give up our identity as a man or a woman, and say there is no such identity, then of course the whole sexual order collapses, and anybody can have sex with anybody -

es reißt die Fessel, es rennt der Wolf, obwohl wir doch die Mehrheit sind:

more than 97 percent of the population of this earth is heterosexual and has an instinctive rejection of homosexuality. The people who push the gender agenda around the world of course have to start with very young children and teach them that any kind of sexual orientation is equally valid.

Wer aber sind die finsteren Mächte, die unseren Kindern solchen Irrsinn einreden und ihre instinktive Ablehnung der Homosexualität rauben wollen?

Don’t ask me who these forces are, but I see this revolution taking place at a global scale, with a clear intent to destroy the basis of the family. The destruction of the family uproots every single human being. We become atomized human beings who can be manipulated to do anything.

Und es ist ja in der Tat nicht auszudenken, zu welchem Unheil etwa die Deutschen manipuliert worden wären, hätten die Nazis, anstatt Mutterkreuze zu verleihen und Schwule ins KZ zu stecken, die Zerstörung der Familie vorangetrieben. Nein, es ist einfach krank und kriminell:

If you do not identify with your sex as a man or woman – such a situation is called transsexuality – this is officially recognized as a psychological disorder. From a criminological point of view, if you can change between man and woman, it will be pretty difficult to identify people.

Vielleicht unterschätzt Frau Kuby die Kriminologen ein wenig, denen noch andere Mittel zu Gebote stehen als den Verdächtigen zwischen die Beine zu greifen. Aber übergehen wir diese Details und halten fest, was Sexualerziehung tatsächlich bedeutet:

I had a wonderful opportunity to visit Pope Benedict emeritus, and he said sex education is not only brainwashing, it is also “soul-washing.”

Holy shit. Wieso diese knieschlotternde Furcht? Wieso heulen die, sagen wir: Wertkonservativen auf, als wäre der Genderismus der Stall, aus dem die apokalyptischen Reiter geschminkte Pferde leihen, weil die Endzeit naht, wo die siebenköpfige Wurst unrasiert am Horizont erscheint und Kinder ihre Eltern mit den Dildos erschlagen, die man ihnen im Sexualkundeunterricht überreicht hat? Gewiss: Der Genderismus mag sich als alberne Modeerscheinung erweisen, die auf ein paar möglicherweise diskutablen Grundideen ein exzessüberwuchertes Konstrukt errichtet, hierin allen anderen Ideologien aus Menschenköpfen nicht unähnlich. Vielleicht ist er sogar tatsächlich eine neue Religion, was religiöse Kritiker besonders erschreckt. Man kann ihn gewiss kritisieren. Aber: Kritiker wie Frau Kuby können es nicht.

Diese Erkenntnis erleichtert ungemein. Wir müssen es nicht rechtfertigen, Kindern beizubringen, dass Schwulsein keine Tragik ist, und es explizit verdammen, wenn man ihnen Dildos oder Bibeln in die Patschhändchen drückt. Auch muss man Judith Butler nicht lesen. Es langt durchaus, zu wissen, dass Gabriele Kuby, wenn sie Butlers Namen nennt, hinzufügt, dass Butler Jüdin und Lesbe ist. Im Ernst: Das reicht. Man erkennt, dass ein Dialog selbst dann sinnlos wäre, stopfte man sich zuvor Watte in die Nase und nähme Baldrian, bis die Hauskatze rabiat wird.

Das soll freilich nicht bedeuten, dass Kuby & Co. zu ignorieren wären. Denn der wahre Kampf geht natürlich – wie schon aus dem heil- und hirnlosen Durcheinander aus Schwulenehe, Sexualkunde, Volkstod, Pädophilie und Gott abzulesen ist, mit dem die Verteidiger des Abendlandes operieren – um die Deutungshoheit. Die Deutungshoheit ist ein Wert an sich, zu ihrer Eroberung ist jedes Mittel recht und nötig, und durch eine ggf. beweisbare Stichhaltigkeit der Deutung würde sie nicht gestärkt, sondern im Gegenteil geschwächt. Denn Argumente gehen zwölf aufs Dutzend – ich mache mich anheischig, gegen eine Professur in Regensburg binnen Jahresfrist die subtilste denkbare Widerlegung des Ketzerglaubens an die Schwerkraft zu verfassen – , aber die Deutungshoheit habe ich erst dann inne, wenn ich, ohne mir überhaupt die Mühe einer Rechtfertigung machen zu müssen, widerspruchslos verkünden kann, der Wind wäre aus grünem Käse gemacht und ohne Gott gäbe es keine Moral.

Im Relativismus dagegen kennt sich niemand aus. Die reine Anarchie ist losgelassen auf die Welt, niemand weiß mehr, ob er Männlein oder Weiblein ist, und das Wahre, Gute und Schöne ist im Rahmen viel zu lockerer Gesetze der Maßgabe jedes Einzelnen anheim gestellt, der doch – seien wir ehrlich – nun wirklich keinen Schimmer davon hat. Wie katholisches.info angesichts der Tatsache, dass im Herbst sowohl Conchita Wurst als auch der Papst vor dem Europäischen Parlament auftreten werden, orakelt:

Heute scheint Europa Gefahr zu laufen, sich außerhalb des Weges zu verirren. Ein sterbender Körper, der ohne formalen Beschluß sein eigenes Ende beschlossen zu haben scheint. Ein bloßes Gerippe ohne eigene Identität, in der Völker mit Kultur, Sprache, Mentalität, Sitten und Land zu einer anonymen Bevölkerung, einer bloßen Massenansammlung zusammenhangsloser Individuen degradiert werden und die Individuen zu bindungslosen, marktgesteuerten Konsumenten.

Dies ist es, was Joseph Ratzinger mit der “Diktatur des Relativismus” meint, und es ist beinahe so schlimm wie die Diktatur derer, die das Absolute hochhalten. Nun scharren sie mit den Hufen, weil ihr althergebrachter Blödsinn durch einen neuen Blödsinn verdrängt zu werden droht. Das geht aber okay, wenn man liest, wie Gabriele Kuby, Christin und heterosexuell, mitteilt, dass sie keinen Hass kennt und keine Scheu hätte, einem Homosexuellen zuzugestehen: “You can choose to live that lifestyle”, was die Notwendigkeit der Sexualerziehung nun doch deutlicher belegt, als ihr lieb sein dürfte.

Written by recotard

12. September 2014 at 21:16

Frank Ulrich und die Todesengel

with one comment

Unter dem Titel “Ärztlich assistierter Suizid engt das Leben ein” polemisiert Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, im Tagesspiegel gegen die Sterbehilfe.

Im Kern dreht sich die Debatte um drei Fragen: Wollen wir eine organisierte Sterbehilfe? Wer soll Sterbehilfe leisten dürfen? Wo ziehen wir die Grenze zur Tötung auf Verlangen? Ich denke, in der ersten Frage besteht große Einigkeit. Wir müssen der gewerbsmäßig organisierten Sterbehilfe und den nur scheinbar altruistischen Sterbehilfevereinen das Handwerk legen. In unserer Gesellschaft darf kein Platz sein für Todesengel, die Giftcocktails reichen und damit Geschäfte machen wollen.

Nein, diese Einigkeit besteht nicht. Reizworte wie “gewerbsmäßig”, “scheinbar altruistisch”  und “Geschäfte machen wollen” verfehlen ihre Wirkung auf den Leser, dem es nicht nur einleuchtend erscheint, dass Dienstleister honoriert werden wollen, sondern den auch ein kurzer Blick in die Wikipedia belehrt:

Etwa 3.000 Ärzte hatten Schmiergelder für die Verschreibung von Ratiopharm-Produkten erhalten. Die Geschäftspraktiken der Ärzte mit Ratiopharm bezeichnete [Montgomery] als „ein ganz normales, natürliches Verhalten”

- und warum auch nicht? Andernorts erkennt Montgomery:

Eines der zentralen Probleme der gesetzlichen Krankenversicherung ist, dass man Ärzte nicht nach der individuell erbrachten Leistung bezahlt. Das kann sich lohnen, wenn ein Patient nur einmal pro Quartal erscheint. Je häufiger er aber kommt, desto weniger rechnet sich seine Behandlung.

Doch welcher Verdienst Umsatz Gewinn wäre für einen Arzt angemessen? Montgomery weiß es:

Wenn ein Arzt nach 13 Jahren Schulausbildung, sieben Jahren Studium und sieben bis acht Jahren Facharztausbildung monatlich 10 000 Euro Gewinn macht, ist das absolut vertretbar.

Ich denke, es besteht große Einigkeit, dass endlich Schluss mit dem heuchlerischen Geschwätz von “Geschäftemacherei” sein sollte. In unserer Gesellschaft darf kein Platz sein für gewerbsmäßig organisierte Funktionäre, die scheinbar altruistisch Pathos und Polemik reichen, anderen das Geschäft missgönnen und als ihr Hauptargument die Erkenntnis bieten:

Der ärztlich assistierte Suizid eröffnet nur scheinbar Freiräume, in Wirklichkeit jedoch engt er das Leben ein. Auf diejenigen, die unheilbar krank, dement oder vereinsamt sind, wüchse der gesellschaftliche Druck.

Denn wer unheilbar krank, dement oder vereinsamt ist, der hat vor allem die Sorge, dass der gesellschaftliche Druck wächst. So wispert der unheilbar Kranke mit letzter Kraft: “Lasst nicht zu, dass mich der gesellschaftliche Druck in den Tod treibt!” Und gleich neben ihm steht einer, der ruft: “Einsam wie ich bin, hält mich nur noch der gesellschaftliche Druck gegen den Suizid am Leben.” Der Demente aber fragt: “I can has Todesengel?”, denn er erinnert sich noch dunkel daran, wie oft versucht wird, mit der fixen Idee, das kultisch verehrte “Leben” wäre per se eine so wünschenswerte Sache, dass sich eine Nachfrage beim Betroffenen erübrigte, gesellschaftlichen Druck zu erzeugen.

Montgomery aber schließt seinen Artikel:

Die bessere Alternative zum schnellen Tod ist die Sicherheit einer optimalen Behandlung, eines würdigen Lebens und natürlichen Sterbens. Dafür lohnt es zu kämpfen.

Ich meine: Es lohnt sich dafür zu kämpfen, dass die gewerbsmäßig organisierte Sterbehilfe explizit erlaubt wird. Und dafür, dass der Mensch selbst entscheiden kann, was er als “würdig” ansieht – ob er nun langsam oder schnell sterben will, natürlich oder behandelt, mit oder ohne Ratiopharm.

Written by recotard

11. September 2014 at 23:39

Veröffentlicht in dessen

Tagged with

Wie es zum 2. Weltkrieg kam (und zum Mauerbau)

leave a comment »

(…) wurde durch die protestantische Irrlehre unser Volk im Glauben gespalten und hat an seiner großen Berufung in der Geschichte des Heils gefrevelt. Unermeßliche Demütigungen und Züchtigungen haben uns daher heimgesucht. Lügengeister und falsche Idole haben unser Land verführt. Schwer lastete deswegen die Hand Gottes auf uns. (katholisches.info)

 

Written by recotard

10. September 2014 at 16:41

Veröffentlicht in dessen

Tagged with

Die Menschenwürde und die Konstruktion der Autonomie

with 2 comments

Während Renate Künast den einzigen respektablen Beitrag zur Sterbehilfedebatte liefert, erklärt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe die Menschenwürde:

Auch wenn in der Tradition der Aufklärung gerne die Selbstbestimmung als “Grund der Würde der menschlichen und jeder vernünftigen Natur” (Immanuel Kant, “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten”) gesehen wird, knüpft das Grundgesetz die Würde explizit nicht daran. Jeder Mensch, ob der Selbstbestimmung fähig oder nicht, besitzt aufgrund seiner bloßen Existenz als Mensch die durch unsere Rechtsordnung zu schützende Würde.
Das heißt in meinem Verständnis: Die Würde des Menschen wird in bedenklicher Weise reduziert, wenn sie mit Selbstbestimmung gleichgesetzt wird. Wir Menschen sind keine reinen Vernunftwesen.

Das ist nun freilich unbestreitbar, sonst würden wir die Berufung auf einen unabdingbaren Aspekt der Würde nicht mit einer Reduktion auf diesen Aspekt gleichsetzen. Wir würden auch nicht auf der amtlichen Webseite eines Bundesministeriums christliche Propaganda treiben:

Jedes menschliche Leben ist ein kostbares Geschenk, etwas Unwiederbringliches und Einzigartiges (…)

Jemand, der auf Herrn Gröhe Einfluss hat, möge ihm begreiflich machen, dass seine persönliche Auffassung – die ihm unbenommen bleibt – nicht als Argument für eine Gesetzgebung zu dienen hat, und dass andere Menschen – denen ihre persönliche Auffassung ebenso unbenommen zu bleiben hat – ihr Leben nun einmal nicht als kostbares Geschenk sehen, sondern als Alptraum und als Fluch. Korrekt erkennt Gröhe:

Die allermeisten Menschen mit Suizidabsicht wollen eine schmerzvolle oder existenziell belastetende Lebenssituation beenden und sehen keinen anderen Ausweg als den Tod.

Doch schon im nächsten Satz wird der Hermann zur Polyanna:

Da gilt es, gemeinsam andere Auswege zu finden.

Denn etwas besseres als den Tod finden wir allemal, alles ist möglich und kneifen gilt nicht. Und so mahnt Kardinal Reinhard Marx:

Es muss alles vermieden werden, was Ärzte, Angehörige oder todkranke Personen dazu verleiten könnte, zu denken, dass es sich bei der ärztlich unterstützten Selbsttötung um eine aus einem falsch verstandenen Autonomiebegriff zu rechtfertigende Handlung handeln könnte. Unser Oberbegriff muss bleiben: menschenwürdiges Sterben, nicht Wege zum menschenwürdigen Töten.

Ich weiß nicht, wie ein falsch verstandener Autonomiebegriff aussieht, und kann nur mutmaßen, dass er sich vom recht verstandenen Autonomiebegriff dadurch unterscheidet, dass die Autonomie in ersterem ausgeübt wird. Aber die Frage ist letztendlich müssig, denn Marx zufolge gibt es sie sowieso nicht:

Freiverantwortliche Tatherrschaft, Autonomie – das sind alles Konstruktionen. Es ist illusorisch anzunehmen, jemand stünde in einer existentiellen Situation nicht unter Druck, wenn nicht äußerem Druck, etwa von Angehörigen, dann unter innerem, etwa mit dem Schreckensszenario „Apparatemedizin“ in seinem Kopf.

Weil der Sterbewillige sterben will, sich also in einer “existentiellen Situation” befindet, hat er keine Autonomie. Das ist – anders als Marxens Schreckensszenario, in dem zwar raffgierige Angehörige und bedrohliche medizinische Apparate vorkommen, aber weder Schwäche noch Schmerz noch Angst – einleuchtend. Wer trinken will, hat Durst: Der freie Wille ist nichts als eine Fiktion, und deshalb wollen wir ihn auch ignorieren und die Sterbehilfe verbieten. Immerhin benennt Marx sein anderes Argument gleich selbst als slippery slope:

Selbst engumgrenzte Regelungen liefen im Ergebnis darauf hinaus, ein angeblich „menschenwürdiges Töten“ zu organisieren. Mir geht es um das menschenwürdige Sterben. Wenn diese Differenz verwischt wird, dann ist eine abschüssige Bahn betreten, auf der es kein Halten mehr gibt.

Dahinter steht die Befürchtung:

Wie viele andere treibt mich die Sorge um, dass im Fall selbst einer engumgrenzten Erlaubnis für Ärzte, beim Suizid zu assistieren, Menschen aus unterschiedlichen Gründen das Gefühl bekommen: Ich bin jetzt doch überflüssig, was soll ich noch hier?

Hier stellt sich die Frage, ob der Kardinal die Welt absichtlich auf den Kopf stellt oder es tatsächlich nicht besser weiß. Für alle Fälle sei ihm gesagt: Schon jetzt – schon immer – gibt es Menschen, die dieses Gefühl haben. Wie kommt das nur? Man könnte nun fragen, wer diesen Menschen ihr Leben lang eingeredet hat, sie wären Nutzwesen wie die Bremer Stadtmusikanten und obendrein schwachsinnige Marionetten, die man von der Hobelbank bis zum Herdfeuer im Zaum halten muss, damit sie nicht ihre eigenen Fäden durchschneiden. Man könnte sogar fragen, wie menschenwürdig ein solches Leben überhaupt ist. Intellektuell unredlich ist es aber, ein längst bestehendes Symptom einer noch gar nicht eingetretenen Situation zuzuschreiben. Redlich wäre es, zu sagen: Wir haben Angst, dass die Menschen, gäbe man ihnen die Möglichkeit, die Konsequenzen aus der Welt ziehen könnten. Zu Marxens Rechtfertigung könnte man allenfalls vorbringen, dass er keine Autonomie besitzt.

Written by recotard

7. September 2014 at 13:52

Ein schrecklicher Alptraum

with 2 comments

katholisches.info gibt eine Pressemeldung wieder, wonach Shimon Peres während eines Vatikanbesuchs den Vorschlag gemacht hat, die UNO durch eine Weltorganisation der Vereinten Religionen zu ersetzen und den Papst als Oberhaupt dieser Organisation einzusetzen. So weit, so dumm. Von einer Reaktion des Papstes auf diesen Vorschlag wird nichts gesagt, aber was sagen die Leser der Seite dazu? Leser “Johann” ist der erste Kommentator. Er teilt mit:

Mein Königreich ist nicht von dieser Welt.

Das ist von mysterischer Finsternis, welche aber etwa von “Forte” erhellt wird:

Aha, deshalb hat sich Papst F. So lange mit der Kritik an der Christenverfolgung zurückgehalten. Das war sicher schon in der Schublade der Plan. Da kann man natürlich keinen nehmen, der anderen Religionen unangenehm auffällt. Die Hure Babylon, die sich an die Welt verkauft. Der Glaubensabfall und der Antichrist auf dem Thron des Lammes. Was mag das bloß bedeuten?

Ich weiß ja auch nicht. Zu Recht ruft “ein besorgter christ” aus:

Bitte, ich möchte aufwachen aus diesem schrecklichen Alptraum.

“Arrow” ist zuversichtlicher:

So wie unser Herr die dritte Versuchung des Widersachers, das Versprechen Ihm die Welt zu Füßen zu legen, bravourös ins Leere laufen ließ, wird nun gewiss auch Sein Stellvertreter dem Widersacher zeigen, dass ein Papst mit dem Ruhm und der Herrlichkeit der Welt nicht geködert werden kann. Danach wird Peres von ihm ablassen.

Aber “Leo Laemmlein” ahnt:

Alles seit Jahren geplant und orchestriert.
Sieht nach dem falschen Propheten aus.
Vielleicht sogar der falsche Prophet und der Antichrist in einer Person.
Mindestens der falsche Prophet, und dann ist es bis zum Antichrist nicht weit.
Der ist wohl schon seit geraumer Zeit verdeckt aktiv.
Wenn ein Friedensvertrag zwischen Israel und den Palästinensern geschlossen wird, der beiden Seiten die religiöse Nutzung Jerusalems absichert, womöglich unter dem Patronat oder Protektorat und gar mit Unterschrift von Papst Franziskus, dann wird das wohl der Vertrag sein, der die 70. Jahrwoche Daniels einleitet…

“Marcellus” ist fassungslos:

Ich bin fassungslos: Das Tier zeigt seine Fratze. Und es soll immer noch welche geben, die Bergoglio unterstellen, er sei vom Heiligen Geist auserwählt. So eine unglaubliche Blödheit und Borniertheit ist aber vorausgesagt: Die meisten werden vom Tier verführt und folgen ihm. Diejenigen, die treu bleiben, werden verfolgt. Auch das tritt mitllerweile ein. Für mich ist aber schon lange klar, wer der Antichrist ist und zwar von dem Moment an, als er den Balkon betrat.

Mir auch, seit ich den chronologisch zweiten Kommentar (von “Gloria Olivae”, am 4.9. geschrieben und am 7.9. noch online) gelesen habe:

Das ist die satanische Fratze des „Untiers“, von dem die Apokalypse spricht, die sich aus den Worten des Ex-Präsidenten erhebt. Das Werk des Internationalen Freimaurer- und Finanzjudentums zur Zerstörung der einzig wahren, der katholischen Religion soll auf Biegen und Brechen vollendet werden.

 

Written by recotard

7. September 2014 at 10:26

Veröffentlicht in dessen

Offenbarung 9,6

with 2 comments

Die Diskussion über Sterbehilfe nimmt weiter an Konfusion zu. So meint etwa Karl Lauterbach:

“Die Menschen werden die Sterbehilfe nur dann als Fortschritt sehen, wenn wir dafür klare Kriterien formulieren.” So solle beispielsweise jede Form der kommerziellen Sterbehilfe untersagt sein, zudem müsse der Patient unheilbar krank sein, dürfe allerdings nicht unter Depressionen leiden. (pro-medienmagazin.de)

Diese Forderung scheint unklar. Meint Lauterbach, dass Depression eine unheilbare Krankheit sein kann, die aber dennoch Sterbehilfe auszuschließen hat, oder soll die Sterbehilfe unheilbar Kranken untersagt werden, die unter Depressionen leiden, weil sie unheilbar krank sind? So oder so wird kein Sarg draus, und was die Menschen “als Fortschritt sehen”, ist ohnehin durch Umfragen schon belegt: 70 % sind für die Sterbehilfe.

Im selben Beitrag rühmt eine Palliativmedizinerin die positive Entwicklung der in Palliativstationen Betreuten wie folgt:

“In der Regel relativiert sich der Sterbewunsch. Die Menschen gewöhnen sich an die Situation.”

Und nachdem sie sich an die Situation gewöhnt haben und sich ihr Sterbewunsch (gemeint ist: der Suizidwunsch) relativiert hat, sterben sie. Somit wäre also alles in Ordnung, und es bleibt nur noch auf die Konkurrenz zu schielen:

Daher kritisiert sie an Sterbehilfeorganisationen wie Exit oder Dignitas, dass diese keine weiteren Möglichkeiten aufzeigten.

Es bleibt aber unklar, wieso es Sterbehilfeorganisationen obliegen sollte, jenseits ihrer Dienstleistung “weitere Möglichkeiten” aufzuzeigen, wie etwa Metempsychose, Reinkarnation oder, natürlich, das christliche Menschenbild. Hören wir hierzu Weihbischof Losinger:

“Viele derjenigen, die eine solche Lebensendsituation, vielleicht auch unter Schmerzen, vielleicht auch unter der Situation einer demenziellen Erkrankung als nicht erträglich betrachten, sehen darüber hinweg, wie oft die ganz individuelle Lebenssituation und die existenzielle Lage eines Menschen am Lebensende doch noch einmal ganz anders ist.”

Vielleicht bereuen wir es, wenn wir uns töten. Vielleicht versteht Losinger – der im Interview gleich dreimal das “unbedingte Lebensrecht” des Sterbenden betont – den Unterschied zwischen einem Recht und einem Zwang nicht. Vielleicht zählt das Thema Sterbehilfe auch einfach zu jenen, bei denen einfach jeder alles sagen darf. Wenn Losinger fordert:

“Ein Geschäft mit dem Tod anderer Menschen darf es nicht geben”,

so muss ich ihm sagen, dass die Beschaffung von Medikamenten ebenso wenig kostenlos ist wie das Anmieten von Räumen, die Betreuung einer Website oder sonst irgend etwas auf dieser Erde, von der Hebamme bis zum Bestatter. Schön ist das gewiss nicht, aber so ist das Leben. Selbst Weihbischöfe beziehen Gehalt dafür, dass sie den Tod für ideologische Zwecke missbrauchen. Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass die FAZ noch einen weiteren Einwand weiß:

Der Suizid, den Jean Améry als einen Akt des Hand-an-sich-Legens beschrieben hat und der zugleich eine radikale, nur dem Handelnden verständliche Absage an die Gesellschaft darstellt, würde durch einen gesetzlich befürworteten assistierten Suizid zu einer auf Vertragsbasis ausgeführten medizinischen Dienstleistung trivialisiert.

Und das darf natürlich keinesfalls geschehen. Es mag zwar sein, dass der Krebskranke eigentlich gar keine Absage an die Gesellschaft formulieren will, sondern nur eine Absage an den Krebs. Es könnte freilich auch sein, dass FAZ-Autor Tolmein den von ihm zitierten Améry (“Der Freitod ist ein Privileg des Humanen”) gar nicht gelesen hat. Und vielleicht ist die Annahme, dass eine radikale Absage an die Gesellschaft nur dann nicht trivial ist, wenn man sie im Do-it-yourself-Verfahren durchführt, nicht bis ins Letzte durchdacht, und das Ideal, der Suizid – wenigstens der, wenn schon sonst nichts – dürfe nicht trivial sein, einfach nur Quatsch. Aber wartet nur! Wie sagt Offenbarung 9,6:

Und in den Tagen werden die Menschen den Tod suchen, und nicht finden; werden begehren zu sterben, und der Tod wird vor ihnen fliehen.

Written by recotard

1. September 2014 at 11:32

Veröffentlicht in dessen

Tagged with , ,

Bischof Laun erkärt den Antisemitismus

with one comment

Viel ist über das Unwesen des Antisemitismus nachgedacht worden, viele Erklärungsmodelle wurden ersonnen. Ich muss gestehen: Nicht im Traum hätte ich gedacht, dass ausgerechnet Bischof Andreas Laun einen originellen Ansatz zu diesem komplexen Thema liefern würde. Doch er schließt einen längeren Artikel mit diesem Absatz:

Atheisten können den Antisemitismus eigentlich nicht wirklich verstehen, er setzt offenbar ein zwar verdrängtes, aber doch wirkliches Wissen oder Ahnen über Gott voraus. Und die wirkliche Überwindung des Antisemitismus kann letztlich nur gelingen dort, wo sich Menschen eben nicht ablehnend, sondern bejahend oder wenigstens respektvoll dem lebendigen Gott Israels und der Christen, dem Gott des alten und des neuen Volkes Gottes, zuwenden und die Pietas der Religionen achten.

Der Antisemitismus ist also ein Phänomen, das, so der Bischof, Atheisten nicht verstehen können, denn er setzt ein Wissen oder Ahnen über Gott voraus. Deshalb ist recht verstandener Antisemitismus auf die Gläubigen beschränkt. Was aber ist der recht verstandene Antisemitismus? Der Bischof beruft sich in seinem Artikel auf Ratzingers Auschwitz-Rede, die Laun mit den Worten zusammenfasst:

Antisemitismus ist eine Form des Gotteshasses!

Und da sie die Juden deshalb hassen, weil sie Gott hassen, lässt sich der Antisemitismus nur dadurch überwinden, dass sich die Gläubigen – und dieser Gedanke mag manche verblüffen – Gott zuwenden. Und deshalb warnt Laun zu Recht:

Die vielen öffentlichen Verhöhnungen des Glaubens in Presse, Film und Theater fördern trotz gegenteiliger Beteuerungen nicht nur Kirchenhass, sondern auch Antisemitismus.

Sage niemand, er hätte es nicht gewusst.

Written by recotard

31. August 2014 at 17:55

Veröffentlicht in dessen

Tagged with ,

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

%d Bloggern gefällt das: