Recotard

Die Reste aller möglichen Welten

Wir brauchen einen stillen Tag

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Eine christliche Quelle teilt zwar mit:

Weniger als ein Drittel der Deutschen glaubt an die christliche Auferstehung.

Aber das ficht Frau Käßmann natürlich nicht an:

„Der Tod hat nicht das letzte Wort! Wenn das kein Grund zum Feiern ist!“, sagt sie. (pro-medienmagazin.de)

Es ist ja menschlich berührend, wenn Frau Käßmann meint:

“Ich brauche schon die Hoffnung auf Zukunft.“

Und man mag sie um ihre Fähigkeit beneiden, die Feiertage jedes Jahr neu zu erleben und vor Ostern tatsächlich Spannung zu spüren:

“Diese Zeit der Stille, der Spannung zwischen dem Karfreitag und dem Ostermorgen – das könnten Menschen, die an diesem Tag vor allem shoppen oder ein Wellness-Wochenende machen wollten, nicht erleben.”

Ich gönne es ihr von Herzen. Ich wünsche nur nicht, dass es mir aufgezwungen wird:

 „Wenn ich 364 Tage im Jahr tanzen kann, was macht es so schlimm, einen Tag nicht zu tanzen – mit Rücksicht auf die religiösen Gefühle vieler Menschen?“

Es ist der identische Unfug, der jedes Jahr vorgebracht wird, es sind immer die “religiösen Gefühle”, die ob ihrer besonderen Irrationalität schwerer wiegen als die säkularen, und das Gesetz wird sehnlichst erwartet, das die Religiösen zumindest einen Tag im Jahr zum Stillsein zwingt, einfach aus Rücksicht auf die irreligiösen Gefühle vieler Menschen.

Written by recotard

17. April 2014 at 14:29

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Warnung vor der Warnung

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“Die Warnung” sorgt für Aufsehen. Zunächst auf der englischen Website thewarningsecondcoming.com (die aktuell vor allem ins Leere führende Links bietet), später auch auf dasbuchderwahrheit.de werden Botschaften publiziert, die Jesus, Gott Vater und die Muttergottes einer irischen Seherin im Schichtbetrieb übermitteln - inzwischen sind es schon 1102. In Nr 241 etwa teilt Gott Vater mit:

Ich möchte nicht einen von euch verlieren, einschließlich derjenigen, die über Mich spotten. Bereitet euch auf das größte Geschenk vor, das für euch bereitet wird. Ich werde Satan davon abhalten, euch zu schnappen, wenn ihr Mir das erlaubt. Ich kann euch nicht zwingen, diesen Akt der Barmherzigkeit anzunehmen. Was Mich traurig macht, ist, dass viele von euch diese Hand Meiner Barmherzigkeit zurückweisen werden. Ihr werdet nicht stark genug sein. Doch wenn ihr die Wahrheit seht, wie sie euch während der „Warnung“ offenbart wird, werdet ihr versuchen, sie wie eine Rettungsleine zu ergreifen.
Ihr müsst Mich um die Kraft bitten, Mir zu erlauben, euch vor der ewigen Verdammnis zu bewahren.

Damit Gott sich erlauben kann, uns vor der ewigen Verdammnis zu bewahren, müssen wir ihn bitten, sich Kraft dazu zu geben. Doch, ja, das klingt durchaus authentisch, wie auch die Signatur der Botschaft (“Gott der Vater”) klar macht, von wem sie stammt. Christus, z.B., unterschreibt zumeist mit “Euer Jesus” und ist cool drauf (“Sie gehören Mir. Ich gehöre ihnen. Das wird immer der Fall sein. Ich liebe sie alle. So einfach ist das.”), während die Jungfrau Maria dazu neigt, pittoreske Details zu liefern:

Die Bibel wird offen in Frage gestellt werden, durch Betrüger in christlichen Kirchen, und diese werden jede Lehre anzweifeln, die vor der Gefahr der Sünde warnt. Sie werden ihre Inhalte verdrehen und sie werden ein neues rotes Buch vorstellen, mit dem Kopf einer Ziege auf seinem Umschlag eingebettet, versteckt im Inneren vom Symbol des Kreuzes.

Das Buch wird in Times New Roman gesetzt sein, die Kapitelüberschriften aber werden Futura sein, und wenn man den ISBN-Barcode rückwärts abliest, tötet der Satan ein Kätzchen. Es ist also verständlich, wenn Christen in aller Welt sich fragen: Sind diese Warnungen authentisch? Wenden sich tatsächlich die göttlichen Mächte an uns, uns im bevorstehenden Endkampf zu stärken? Man lache nicht: Wie Michael Hesemann auf kath.net schreibt:

Seit Monaten sind die Botschaften der „Warnung“ ein Thema bei vielen kirchentreuen Christen, an manchen Gebetsstätten und Wallfahrtsorten haben sich ihre Anhänger bereits so breit gemacht, dass Bücher über den amtierenden Papst Franziskus als Ladenhüter gelten. 

Doch nun, um alle Unklarheiten zu beseitigen,

erklärt Erzbischof Diarmuid Martin von Dublin, dass die angeblichen Erscheinungen keine kirchliche Genehmigung besitzen (gloria.tv)

- na dann! Nur von uns lizenzierte Erscheinungen sind die echten. Das Publikum soll nicht auf jeden Schwindel hereinfallen, sondern mit fester Stimme darauf bestehen, dass die Muttergottes ihre kirchliche Genehmigung vorzeigt. So spricht der Erzbischof. Was aber sagt Jesus dazu?

Erkennt den Lügner dann, wenn er sagt, er sei kompetent, habe eine tolle Ausbildung in Theologie — und er wisse somit mehr über Mich als andere — und der dann behauptet, ihm sei das Recht gegeben, andere zu verurteilen, die sagen, dass sie in Meinem Namen sprechen. Diese Arroganz könnte niemals von Gott kommen.

Und wem soll man mehr glauben – einem Erzbischof oder Jesus Christus?

Written by recotard

16. April 2014 at 20:09

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Über Linhard von Roseneck 2: Alfred Hatzel

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(Vorbemerkung und Teil 1 siehe hier.)

In unserem Versuch, die unterirdischen Einflüsse Linhards von Roseneck nachzuzeichnen, kommen wir nun zu dem Mann, der mehr als alle anderen dazu beigetragen hat, dass Linhard nicht im Dunkel der Vergessenheit verschwungen ist: Dem gleichermaßen fast vergessenen Alfred Hatzel. Hatzel (1822-1902), Spross einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie, wid­mete sich nach Studien in Jena und Krakau der Erforschung der Vergan­gen­heit Westfalens. Ohne seine Entdeckung der Refutatio Mechthilds wäre unser Bild Linhards von Roseneck um einiges ärmer; seine eigenwillige Quellen­verar­beitung bleibt angesichts der Zer­störung des Originalmanuskripts zu bedauern.

Alfred Hatzel

Alfred Hatzel

»Ich habe bei dieser Arbeit den Stoff fortwährend als meinen Lehrer, nicht meinen Diener betrachtet«, schrieb  Hatzel in der Vorrede seines 1865 ver­öffentlichten Bandes Putrefactions­kulte:

»Er hatte mir das Lebens-Gesetz zu offenbaren, nicht von mir zu em­pfan­­gen. Doch ist nicht zu leugnen, dass vielerlei Per­sön­liches in diesem Werk steckt, ja dass, wie mein verehrter Freund, Prof. Stulte, nach der Lektüre des Ma­nuskrip­tes be­merkte, sein Tonfall mitunter jener eines eifern­den Pro­pheten ist. Ich bitte den Leser, hierin keine Selbst­­über­hebung zu er­blicken. Jahre der mühe­vollen, tas­ten­den Forschung und, noch wich­tiger, der Ein­fühlung sind in diese Arbeit einge­gan­gen, und die sich immer tiefer festigende Er­kennt­nis, dass uns das Wissen um den Ur­grund des Daseins ver­borgen wer­den soll, machte es mir unmög­lich, in der ge­lassenen Weise des Aka­demikers zu referieren.«

In der Tat tragen die Putrefactionskulte alle Anzeichen jener Gattung von Literatur, in welcher der Autor über der von ihm ge­wonnenen Erkenntnis (oder, für den Skeptiker, über seinem Wahn) jede Distanz zu seinem Stoff verliert, den Leser in ge­dräng­­tem und überspitztem Predigtton zu über­zeugen versucht und aus allen Win­keln Indizien zerrt, die seine These zu unter­stüt­zen scheinen, wobei die Kri­tik­­fähig­keit zu­meist auf der Strecke bleibt – ein Phä­no­men, das in der esoterischen Li­te­ratur nicht un­bekannt ist. Putre­­fac­tions­­kulte wird so zu einer durchaus ein­drucks­vollen, doch mit Vor­sicht zu rezi­pieren­den Lek­türe. Seinen Stil mag das folgende Zitat illustrieren:

Man erinnere sich an den Mythos der griechischen Medu­sa mit den Schlangen- oder wohl ur­sprüng­lich Wurm­haaren, deren ent­setz­licher Anblick den Sterb­lichen un­weigerlich zu Stein er­starren ließ: hier haben die Alten mit künstlerischem Sinne aus einer Ur-Erinnerung ein Sinn­bild der Erkenntnis ge­schaffen – um es frei­lich dann als Versatz­stück ihres kin­dischen Mythen-Systems zu ent­werten. Wo ist der Perseus, der einer Frau Welt den Spie­gel vorzuhalten ver­möchte, ohne selbst in ihm zu sein und ge­mein­sam mit dem Monstrum auch selbst zu ver­steinern?

Nachdem er an die Erdställe des Mittelalters, die ihm als Kult­stätten gelten, er­innert hat, listet Hatzel ungezählte Frucht­­bar­keits­kulte auf, etwa die griechi­sch­en Thes­mo­phorien, bei denen lebendige Fer­kel in Höhlen ver­senkt und später deren ver­weste Leichen wie­der hervor­ge­holt wur­den, die man als Wachs­tums­zauber in die neue Aus­saat misch­te, und den Brauch sibi­rischer Scha­manen, ver­westes Fleisch zu ver­zehren, um sich in Trance zu ver­set­zen (in Carlo Ginz­burgs Wor­ten: »Leben­de, die in der Ekstase den Toten gleich wer­den«) oder sich bei le­ben­­digem Leibe von Maden anfressen zu lassen, um sich auf diese Art, in einem kleinen Tod, zu reinigen. (Hier nimmt Hatzel ethno­logische Er­kennt­nisse über die Sterbe- und Wieder­­ge­burts-Mythen bei Ini­ti­ationsriten vorweg.)

Er übersät die Seiten seines Buches mit aus allen mytho­­logischen Winkeln her­vor­­ge­kramte We­sen­heiten, etwa die von Tacitus be­schrie­be­ne terra mater (Nertha), Druj, die Mutter der Lügen des Avesta, Ixtab, die Maya-Göttin des Selbstmordes, Venus Pandemos und die skythische Tabiti, halb Frau, halb Schlan­ge, deren Funk­tion als Göttin des Feuers und der Tiere ebenso auf chthonischen Ur­sprung weist wie jener der Echidna, die von Hesiod als »un­­sag­bares Scheusal, halb schön­äugiges Mäd­chen, halb grausige Schlan­­ge, riesig, bunt­­ge­fleckt und ge­fräßig« beschrieben wird. Er erinnert an Elemente gnos­tischen Ge­dan­ken­gutes wie etwa Sophia Achamoth, die durch Be­gierde zer­rütte­te, per­soni­fi­zierte »niedere« Weis­heit, die in den gött­lichen Ab­grund stürzt und dadurch Mutter des Demi­urgen wird, und die Pistia Sophia, einen Text des 3. Jahr­hunderts, in dem Jesus Christus sagt:

»Die äußere Fins­ternis ist eine große Schlange, deren Schwanz in ihrem Maul steckt, und sie ist außerhalb der Welt und um­ringt die ganze Welt. Und darinnen sind viele Orte der Bestrafung.«

Denn der Demiurg (der gnostische Weltenschöpfer, ein aus dem »fauligen Pleroma« (Hatzel) gewucherter, min­der­wer­­tiger, blinder Pseudo-Gott) geht, so Hatzel, in Gestalt der Frau Welt auf Erden um.

Frau Welt - Statuette nach Vorlage aus dem 16. Jhdt.

Frau Welt – Statuette nach Vorlage aus dem 16. Jhdt.

Die allegorische Figur der Frau Welt wird heute zumeist als didak­tische Fiktion erklärt: Ihre betörende Vorder­an­sicht lässt den ver­westen, von Unge­ziefer durch­­wimmelten Rücken nicht ahn­en, der den Betrachter nicht nur an das Doppel­­­antlitz des Eros, son­dern auch an die grundsätzliche Ver­gäng­­lichkeit aller ir­dischen Freu­den mahnt. »Vorne hui, hinten pfui«, sagt der Volks­mund.

Die ersten Anzeichen für ihr Auftreten finden sich im 12. Jahrhundert. So be­richtet der arabische Philosoph Al-Ghazali (1058-1111), wie Jesus, »der schon immer einmal die Welt sehen wollte«, sie als abstoßende alte Vettel trifft, die ihm mitteilt, dass sie alle ihre Männer um­bringt. »Was mich wundert«, sagt Jesus, »ist, wie viele Leute immer noch auf dich herein­fallen.« Der in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts vermutlich in Süd­deutsch­land leben­de Mönch Honorius Augustodunensis wiederum erzählt in der Predigtsammlung Speculum ecclesie von einem Jüng­ling, der, in einer Ein­siedelei aufgewachsen, von Fleischeslust befallen war und dem geheißen wurde, 40 Tage in der Wüste mit Fasten und Gebet zu verbringen. Nach zwanzig Tagen erscheint ihm eine ab­stoßende Frau, deren Widerwärtigkeit ihm das wahre Gesicht seiner sinnlichen Ein­bildungen zeigt.

Ihren Siegeszug aber trat Frau Welt erst hundert Jahre später an. Die Alterslyrik Wal­ther von der Vogelweides6 mit seiner Absage (»Frau Welt, ihr sollt dem Wirte sagen«) wird um 1230 angesetzt. Konrad von Würz­burg, der mit Der Welt Lohn die definitive Aus­for­mung des Stoffes gestaltete (der sich nach Minne sehnende Ritter, dem sich die Welt von hinten zeigt, geht daraufhin ent­setzt auf Kreuz­zug, denn »der werlte lôn ist jâmers vol« und der Dich­ter entlässt uns mit der War­nung: »Von Wirzeburc ich Cuonrât gibe iu allen disen rât, daz ir die werlt lâzet varn, welt ir die sêle bewarn.«), lebte von ca. 1225 bis 1287. Die erste be­kannte bildliche Ab­bil­dung, am Wormser Dom, stammt von etwa 1298. Weitere Dar­stellungen an sakralen Gebäuden finden sich in Worms (Dom), Nürn­berg (Se­bal­dus­­kirche) Straß­burg (Münster), Freiburg (Münster), Basel (Münster) und Mar­burg (Marien­kirche).

Für das späte Mittelalter könnte man von einem Frau Welt-»Boom« sprechen. Zu weiteren Autoren, die ihr Tribut ge­zollt haben, gehören etwa Hart­mann von Aue, Fried­rich von Sonnen­burg, Rein­mar von Zweter, Linhard von Rugge, Neid­hart von Reuenthal, Walther von Metze, Hugo von Mont­fort, Jo­hannes von Rinken­berg, Ul­rich von Singen­berg, Linhard von Meißen (Frauenlob), Linhard der Teich­ner, der Stricker, der Hardegger, Guoter und Michel Be­heim (Pei­spel von einem weib wz uorn schön und hinden schaüczlich). Als Neben­figur taucht sie in der Erfurter Mora­lität (Spiel von Frau Ehre und Frau Schande) von 1448 eben­so auf wie in Mundus, Caro, Demo­nia (1506) von Hans Sachs.

Zwei Jahr­hun­derte dauerte die große Zeit der Frau Welt (bei Hans Sachs, in Klagredt der weldt, ob jrem ver­der­ben, hat sie sich schon in eine Zwergenhöhle zu­rück­­­­ge­zogen), wie­wohl sich so unter­schied­­liche Dichter wie Cal­derón, Hugo von Hof­manns­thal und Erich Fried über die Jahr­hunderte weg von ihr ange­zogen fühlten und ihre beiden Seiten dem kollek­tiven Ge­dächt­nis nie ent­schwun­den sind; vielleicht lebt noch in der mexikanischen Santa Muerte der Gegenwart eine Erinnerung an sie.

Ver­schiedene Vor­­stellun­­gen sind, sagen die Kunst­historiker, in dieser Figur auf­ge­gan­gen: Antike, heid­nische und biblische Ver­gäng­­lich­­keits­topik führ­ten zu einem am­bi­­valenten Verhäl­tnis ge­gen­über der ir­dischen Welt als bewund­erungs­würdige Schöp­fung Gottes einer­­seits und teuf­lisch-ver­führerisches Sünden­werk (Venus, For­­tuna, Luxuria) anderer­seits; auch mag sie eine Reaktion auf die an­wach­sende Marien­ver­ehrung des Mittelalters sein. Spuren alter heidnischer Vor­stellungen sind gleichfalls nachweisbar. So erklärte ein An­geklagter in einem hessischen Hexen­prozess von 1630:

fraw Holt were von forn her wie ein fein weibsmensch, aber hinden her wie ein holer baum von rauen rinden.

Das ist, wie W.-E. Peuckert anmerkt, »die typische Be­schreibung einer Wald­frau, wie das Mittelalter sie sich dach­te. Es ist die Frau, die einem alten und in seinem Kerne auf­ge­rissenen Wald­baum gleicht.« Es ist, können wir folgern, die dem Zivilisations­menschen dämonisch werdende Natur selbst. Hermann Güntert ergänzt:

Totendämonen rauben also nach alter Vorstellung nicht nur ge­waltsam Menschen, sondern sie verlocken mit allen mög­lichen Mitteln Sterbliche in ihr Reich. Dabei wird in ge­wisser Hinsicht Sterben und Tod als Vermählung und Ehe mit einer Todes­gott­heit gedacht. (…) Hier liegt der Grund für die Be­­rührung von der Todesgöttin mit der Liebesgöttin.

In seinen Volksthümlichen Denkwürdigkeiten (1846) berichtet Alfred Hatzel von einem seiner Meinung nach aus dem 14. Jahrhundert stammenden Wand­gemälde im Dom von Frauen­meiler/Westfalen, in dem von einem unbe­kann­ten Künstler Frau Welt an die Westwand ge­malt worden war:

Mitten in einer idyllischen Landschaft sitzt sie unter einem blauen Himmel, um­­ringt von sanften Hügeln und win­zig kleinen Dör­fern in der Ferne. Sie selbst ist von zar­tem An­ge­sicht, auf einem Stein sitzend, eine Brust ent­blößt, als machte sie Anstalten, marien­gleich ein Kind zu säugen. Doch wandert der Blick tiefer, wird die un­ge­­heure Pro­fa­na­tion er­kennbar: mit breit gespreizten Beinen reckt sie dem Be­trach­ter ihr Becken ent­gegen. Zwar wird die Scham­gegend durch Kleid­falten ver­hüllt, doch die Aus­sage des Bildes ist unmiss­ver­ständlich: um­ringt von neu­gierigem Gesindel (wir er­kennen geist­liche und welt­liche Wür­den­träger unter ihnen), wel­ches Kannen und Krüge in Händen hält, gebiert sie einen Schwall von Wür­mern und Maden, die unter ihrem Man­tel hervor­quellen: die Ver­wesung nicht bloß als Sinnbild der jedes Lebe­wesen be­drohen­­den Vanitas, son­dern als aktiv zeugen­des, Grauen und Wider­wär­tig­keit hervor­brin­gendes Subjekt. Nur eine Eule auf einem Baum sieht über das grausige Spek­takel hinweg, direkt auf den Be­trachter, während in der rechten unteren Ecke ein in einer Pfütze stehender Mann, der eine Tonscherbe in der Hand hält und vielleicht ein Eremit ist, vielleicht aber auch nur ein Bett­ler, sich als einziger abwendet.

Und Hatzel – der in diesem Mann Linhard von Roseneck vermutet - zitiert eine alte Chronik:

Das gemeyn Volk mochte dies Schreckens‑Bildniss gar nicht leyden und drängte sich auf den Kirchen-Bänken zusammen, so am andern End der Wand placirt waren, worauf es ge­malet war. Der Teuffel selbst, so meynten sie, müsse der Artifex gewesen seyn.

Das Mitleid der Frau Welt besteht ihm zufolge darin, die Menschen mit Blindheit für die missratene Schöpfung zu schlagen, weshalb die Menschen sie seit Anbeginn der Zeiten, zunächst als Frucht­­bar­keits­göttin, später in ver­schiedens­ten Larven (!), verehrt hätten. Und er fol­gert: »Gleich, wel­che Maske das Prinzip trägt, es nährt und weidet sich am durch die Ver­blen­dung ver­ur­sachten Leid. Spectaculum mundi: Der Mensch ist ver­dammt und der Demiurg sieht zu.«

Doch in seiner Quellenauswahl malt Hatzel einseitig schwarz. Die Schlange stellt etwa bei den ophitischen Gnos­tikern das »Symbol der geschlecht­lichen Ver­einigung zwischen Gott und Mensch« dar: In Schlan­gengestalt geht der Gott selbst in den Menschen ein. (Man beachte: Gott, nicht etwa der Demi­urg.) Für den Gnostiker re­präsentiert die Schlan­ge im Para­dies nicht den sa­ta­nischen Ver­derber, son­dern sie verleiht den ersten Men­schen durch die Frucht vom Baum der Er­kennt­nis Wissen (gnosis) und Erwachen. Hatzel aber will vom Werden und Ver­gehen nur das Ver­gehen gel­ten lassen, das Werden ist ihm bloß kindlich-magisches Wunsch­den­ken des »Men­schen­ge­wimmels« auf dieser Welt, das auf dieser nur eine vor­über­­gehende Zwischen­stufe dar­stellt.

Einige Auserwählte hätten, so Hatzel, immer um diese Wahr­­heit ge­wusst und ihr ent­sprechende Riten ge­formt. Die Hexen­ver­fol­gun­gen der anbrechenden Neu­zeit ver­steht er, Margaret Murray in der Vor­weg­nahme schon über­­tref­fend, als den Ver­such der Kir­chen, diesen Kult zu ver­nichten.

Die wahren Ketzer – jene nämlich, um deretwillen die Kirche zum sinn­reichen Mittel der Inqui­si­tion langte, da sie, im Ge­gen­satz zu den braven Seelen, welche das paradoxe Ideal eines reineren Christen­tums er­streb­ten, in der Tat ge­fähr­lich waren – waren jene, die da lachten, da sie ge­fol­tert wur­den: war nicht die leib­liche Qual nicht das ge­ringere Übel gegen die Er­kennt­nis ihrer Welt- und Seelen­not? Nur durch Zufall – den Glück zu nennen ich zögere – mag Linhard von Rosen­­eck dem Schick­sal eines Folter­tods ent­gan­gen sein; oder wohl eher auf­grund der schlichten Tatsache, dass man ihn für geistes­krank hielt.
Diese These lässt sich auch in unserer Zeit erproben, wiewohl ich eine solche Probe niemandem ernstlich anraten möchte. Man ver­suche und teile einem wohl­wollend gesinnten, allge­mein als ver­ständig und offen geltenden Menschen das fol­gende mit:
Die Gesamtheit der Welt kann nur ein Gewimmel von Spuren und Abdrücken psychischer Natur darstellen, durch welche sie konsti­tuiert wird. Die Welt nährt sich aus Ver­wesung, doch nur ein plum­per Materialist wird hierun­ter alleine den physischen Process verstehen. Nichts ist nahr­hafter als verfaulte Seele, auf nichts lässt sich’s besser bauen denn auf Leid.
Wer sich zu diesem Experiment bereit findet, der tut gut daran, sich zuvor starker Helfer und eines Waffen­arsenals zu ver­sichern, denn der verständige, wohl­meinende und offene Mensch wird mit aller Macht danach trachten, jenen, der solches sagt, als geisteskrank zum Schweigen hinter hohe Mauern zu bringen.

Absurd? Nein, meint Hatzel, den wir betrügen uns selbst:

So, wie das Christentum den Teufel verehrt – das meint, seine Exis­tenz und Macht als Welten­schöpfer anerkennt – , so hul­di­gen die in gnadenreicher Unkennt­nis ihrer selbst be­lassenen An­hän­ger der Putre­fac­tions­kul­te, welche wohl den erdrücken­den Mehr­­teil der Mensch­heit aus­machen, dem Princip der Ver­wesung. So voll­führen sie Riten, es schla­fend und träumend zu halten, das meint, es davon abzu­hal­ten, sich selbst in und mit­samt dieser Welt erneut zu vertilgen: Frau Welt in Schlaf zu wiegen. Was Wun­der, dass die Anthro­pomorphisten – deka­­den­te Ab­kömm­linge einer späteren, eitlen Idolatrie – nicht nur ihre Augen und Köpfe vor dieser Lehre (und somit vor sich selbst) ver­schließen, sondern sie gleich ganz aus der Welt haben möchten, als wollte die Wahr­heit schon ver­wehen, wenn nur erst ihre Zeugen abge­schafft sind.

Hieraus erkläre sich auch, dass – trotz vielerlei Spuren eines »ver­schütteten« Urwissens in mensch­lichen Kultur­leistungen, deren Mehrzahl der Ver­drän­gung eben dieses Wissens dienten und dienen – keine greifbaren Über­liefe­run­gen über diese »Kulte der Ver­wesung« existieren: ein Zirkel­schluss, mit dem Hatzel den von ihm ver­ach­teten »an­thro­po­morphistischen« Religionen frei­lich näher stehen mag, als er wahrhaben mochte.

Darum aber schrieb Linhard von Roseneck wie er schrieb, dass seine Schüler lernten und begriffen, das Ge­sprochene auszu­löschen und das in Wahrheit zu lesende Welt-Palimpsest dahinter ohne Gefahr für ihr leibliches Leben freizulegen.

Denn Linhard von Roseneck ist für Hatzel ein Vor­läufer – der Pro­phet jener Geis­tes­hal­tung, die zwar schon in der Mönchs­regel des Heiligen Benedikt (»sum vermis et non homo«, ich bin ein Wurm und kein Mensch, nach Psalm 21) figuriert, doch erst ein Jahr­hun­dert nach Linhard von Rosenecks Tod, dank Klima­wechsel (»kleine Eiszeit«) mit fol­gen­den Hun­­gers­nöten und Seuchen (man schätzt, dass ein Drittel der damaligen Mensch­heit an der schwar­zen Pest starb), Kriegen, den Vado mori-Ge­dichten, den Toten­­tänzen und ver­schiedenen Aus­­drücken der Welt­ver­ach­tung (con­temp­tus mundi) die Ver­gäng­lich­keit des Men­­schen, des »Maden­sacks« (Luther), ins all­ge­meine Blick­licht rückte.

Als klassisches Beispiel hiefür zitiert Hatzel den Abt Odo von Cluny (gestorben 942):

Die Schönheit des Körpers besteht allein in der Haut. Denn wenn die Menschen sähen, was unter der Haut ist (…), wür­den sie sich vor dem Anblick der Frauen ekeln. Ihre An­mut besteht aus Schleim und Blut, aus Kör­per­säften und Galle. Wenn jemand überdenkt, was in den Nasen­löchern, was in der Kehle und was im Bauch alles ver­borgen ist, dann wird er stets Unrat fin­den. Und wenn wir nicht einmal mit den Fin­ger­­spitzen Schleim oder Kot anrühren können, wie können wir dann begehren, den Kotbeutel selbst zu umarmen?

Er deutet Verbindungen zur Frau Welt (Konrad von Würzburg: »ir fleisch die maden âzen unz ûf daz gebeine«) an und erinnert an eine frappant analoge Stelle aus den Maitrâyani-Upanishaden:

In diesem stinkenden, unwesenhaften Leib, einer Mischung aus Knochen, Haut, Sehnen, Mark, Fleisch, Samen, Blut, Schleim, Tränen, Flüssigkeit, Kot, Urin, Wind, Galle und Phlegma – was ist der Sinn im Ge­nießen der Lust? In diesem Leib, der be­drängt wird von Lust, Zorn, Begehren, Wahn, Furcht, Ver­zagt­heit, Neid, Trennung von dem, was man wünscht und Ver­einigung mit dem, was man nicht wünscht, Hun­ger, Durst, Alter, Tod, Krankheit und der­gleichen – was ist der Sinn im Genießen von Lust?

Diese Haltung wurde zur Zeit des Linhard von Roseneck zur Mode: Werke des Titels De contemptu mundi (Über die Ver­achtung der Welt) wur­den von so unters­chiedlichen Autoren wie dem späteren (und durchaus welt­lichen) Papst Innozenz III, Erasmus von Rotterdam, Bern­­­hard von Cluny, Bern­hard von Clair­vaux, Roger de Caen und Anselm von Can­ter­bury verfasst. Über die heilige Rita – nur ein Beispiel von unzähligen – wird be­richtet:

In ihrer Kopfwunde wuchsen Würmer, die sie vielfach recht plag­ten, und einen so üblen Geruch verbreiteten, dass sie zu­meist allein bleiben musste. Sie trug dieses Leiden mit großer Geduld. Manchmal geschah es, dass solche Würmer von ihrem Haupte fielen. Darüber be­fragt, gab sie ruhig lächelnd zur Antwort: es seien nur ihre Engelein. Und schon von den verwesenden Gliedmaßen des Symeon Stylites nährten sich die Würmer, die von seinem Leib und seiner Säule zu Boden fallen, sodass sein Schüler Antonius voll damit beschäftigt war, »sie zusammen­zu­lesen und wieder an den Ort zu bringen, von wo sie heruntergefallen waren.« Denn der Heilige sprach: »Ver­zehret, was euch der Herr übergab.«

Kurzum: mundus praegnans de vermiis, die Welt (war) schwan­­­ger von Ge­würm, und die Men­schen, so Hatzel, ahnten es mit Bangen: »was aber geboren wurde, war die Neuzeit.«
Hier ignoriert Hatzel freilich den nicht nur pathologisch angstvollen, son­dern zu­gleich auch grundsätzlich reli­giös­en, jenseits-gewandten Kontext dieser »welt­feind­lichen« Haltung, die nur das (wenn auch polemisch ver­zerrte) Spie­gel­bild der Hoff­nung auf ein besseres Leben nach dem Tod darstellte: Im Leben wer­den wir ge­härtet wie Stahl im Feuer, um nach dem Tode in die ewige Glück­selig­keit ein­gehen zu können. Er polemisiert gegen den primitiven Dualismus, der unsere megalomanischen Konzepte von »Gut« und »Böse« auf eine märchen­hafte Götterwelt übertragen will – ein kos­misches Schachspiel in schwarz und weiß. Da ist nichts Gutes, und da ist nichts Böses:

Da ist nur Frau Welt, die uns mit dem Lebens-Instinct verflucht hat und nun auf ewig mit uns spielt, der wir aber in unserer Mythologie nur eine Kulissenrolle zuweisen wollen, von welcher sich die Güte des imaginären Gottes umso vortrefflicher abheben soll. Wir können Frau Welt ebenso wenig ins Antlitz blicken wie der Wahrheit.

Hatzel postuliert eine apokalyp­tische Ver­til­gung der Welt. Diese beginnt für ihn mit der von ihm so ge­nann­ten »Erweckung der Würmer«. Diese Er­weckung wird durch den Menschen selbst erfolgen, der auf diese Weise seinen eigenen Un­ter­gang herbeiführen wird. Denn

es gibt nicht allein jene Verehrer, die in ihrem Herzen noch der Schein-Welt, ihrer sanften Traum-Idylle an­hängen, wel­cher die Gnaden­frist bis zum Er­wecken der Würmer ge­währt ward, wes­halb sie diese Frist ins Un­end­liche hinaus­zuzögern suchen, nein: andere Putre­fac­tions­kulte trachten diesen un­aus­­weich­lichen Pro­cess, die endliche und alles beendende unio mystica, tun­lichst zu be­fördern und be­schleunigen. Denn alles was besteht, ist wert, dass es zugrunde geht, und die Apo­kalyp­se, vor welcher die Christen schauern – wes­halb die Kir­che ihnen die trü­gerische Hoff­nung aufs bessere Jenseits eingepflanzt hat – , ist nur eine von un­zähligen. Die so bange erwartete Apo­­ka­lypse liegt längst hinter uns, un­gezählte Male, und wäre der Christen­gott ein realer, so müss­ten wir fol­gern, dass wir – die Menschen dieser Welt – die Zu­rück­ge­lassenen sind, der Unrat, welcher übrig bleiben muss, nach­dem die Seligen ent­rückt wor­den sind, der Abschaum, das wider­lichste Ge­würm, das zu ver­tilgen die apokalyptischen Reiter längst ihre Pferde aus Gottes uner­messlichem Stall geholt haben: eritis sicut vermi­culati! Wie aber die Akteure in der darauffolgenden Runde des kosmischen Spiels be­schaffen sein mögen, können wir nicht einmal in unseren fiebrigsten Träumen erahnen.

Näheres über die genauere Natur der »Er­weckung« wird freilich in seinen ge­druckten Werken nicht mehr be­schrie­ben; Putre­factions­kulte schließt mit einer lang­­atmigen Schil­de­rung von Hatzels ver­geb­­lichen Ver­suchen, Mit­glieder eines Kul­tes auf­zu­spüren, von dem er über­zeugt ist, dass er »un­ter dem Schlamm un­serer Civi­li­sation« noch be­stehen muss (ein Zen­trum dieser Kulte ver­mutet er lokal­­­patriotisch in West­falen).

Schließlich gelangte Hatzel in einen seelischen Zu­stand, der seine Zeit­ge­nossen ihn für nicht bloß gottlos, sondern auch wahn­sinnig erklären ließ. Nachdem er be­gonnen hatte, lebende Maden und En­ger­­­linge zu ver­zehren, wurde Hatzel zum Mittel­punkt eines Skan­dals, der schließl­ich in einer Zwangs­ein­weisung gipfel­te.

Aus den Akten, die von dieser Zwangs­einweisung noch exis­tieren, tritt uns die Person des Alfred Hatzel sehr plas­tisch ent­gegen. Befragt, warum er Würmer und Maden ver­speisen wolle, re­agiert er nicht mit einer kon­kreten Be­grün­dung (die, wie ihm klar ge­wesen sein moch­te, in jedem Fall nur seine Stigma­ti­sierung als Geistes­kranker zementiert hät­te), sondern mit einer Gegen­frage: »Sieht man das zuckende Ge­würm nicht schon, so­bald man nur die Augen schließt?«

Hatzel bezieht sich hier offensichtlich auf das Phänomen der Phos­phene (visuelle Wahr­nehmun­­gen, die nicht durch Licht, son­dern durch andere Stimuli, z.B. Druck auf den Aug­apfel, her­vor­ge­rufen werden). Die Ärzte indes vermuteten Hallu­zi­na­tionen und reagierten mit einem Schwall von Fragen über die Be­schaffen­heit und das Verhalten des »zucken­den Gewürms«, denen Hatzel in einer Weise be­geg­nete, die seine Meinung über die Geis­tes­­kraft seiner Be­frager für den heutigen Leser un­zweifel­haft er­­kennen lassen, aber von diesen als weitere »Symp­­tome« in­ter­pre­tiert wur­den. Der ent­sprechen­­de Vermerk endet mit dem Ein­trag »Pat. lacht grund­los« – wohl, so darf vermutet werden, über die Ein­gleisigkeit der ärztlichen Ge­dan­ken­gänge.

Bei einer anderen Gelegenheit schlägt Hatzel dem ihn be­fragen­den Arzt vor: »Sieht das menschliche Ge­hirn selbst nicht aus, als hätte sich eine endlose Made im Schädel ver­wun­den? Viel­leicht sollten Sie mir ja den Kopf auf­schneid­en.« Wir dür­fen hier­bei nicht ver­gessen, dass Hatzel ein ge­bil­deter Mann war; ihm war die seit der Stein­zeit geübte Praktik der Trepa­nation (d. i. das Auf­­bohren oder -sägen des Schädels, um einen Kran­ken zu be­han­deln) fraglos be­kannt. Später zitiert er Jonathan Swift und dessen Wider­gabe der Meinung, dass das Gehirn mit kleinen Maden (maggot: das englische Wort wird im deut­schen Dop­pel­sinn der »Grille« be­nutzt) gefüllt wäre: ein Gedanke ent­steht, wenn ein Wurm an den Nerven knabbert. Ver­mut­lich lach­te Hatzel auch bei dieser Ge­le­gen­heit, als die Ärzte seine Wor­te als weiteres Indiz für seinen Irrsinn notier­ten, »grund­los«, und viel­leicht auch, als er kurz darauf von seiner Familie, um eine ge­richt­liche Ver­ur­tei­lung zu ver­meiden, in ihrem Besitz bei Pader­born weg­ge­sperrt wurde.

Auf diesem Besitz, einem ehemaligen Jagdschloss, zu dem aus­ge­dehnte, um­zäunte Park- und Waldanlagen ge­hörten, brach­te er die letzten drei Jahr­zehnte seines Lebens zu. Er setzte nie wieder einen Fuß in die Außen­welt, scheint sich aber stoisch (oder resig­niert) mit seinem Schick­sal ab­ge­funden zu haben. Seinen Ver­wand­ten und der Diener­schaft begegnete er stets liebens­würdig; nur über seine Kör­per­hygiene und seine An­ge­wohnheit, näch­te­lang am Fenster seines Schlaf­zimmers zu stehen und erst morgens zu Bett zu gehen, sind Klagen über­liefert. Da seinen Dar­legungen über die Welt niemand zuhören woll­te, schrieb er im Garten­häus­chen »Exegesen«. Diese Aus­le­gungen – sie sollen am Ende mehr als ein Dutzend dicker Bän­de umfasst haben – sind, wie seine anderen Auf­­zeich­nun­gen, fast sämt­lich ver­loren gegangen oder wur­­den, was wahr­schein­licher ist, nach seinem Tod von den Nach­fahren vernichtet.

Alfred Hatzel starb 1902, im Alter von achtzig Jahren. Sein Grabstein ist mit einem Shakespeare-Zitat versehen:

Wenn ich gestorben, traure länger nicht
Als dumpfer Grabeglocken Trauerton
Der Welt von meinem Scheiden gibt Bericht,
Und dass zu armen Würmern ich entflohn.

Was von Hatzels in minimaler Auflage erschienenen Schrif­ten noch vor­handen ist, ver­schimmelt unbeachtet in Archiven und Anti­quariaten; nicht einmal die psycho­analytische Fach­schaft hat sich seiner ange­nommen. Ledig­lich wenigen Freun­den der mor­biden Literatur ist sein Name noch bekannt.

Written by recotard

16. April 2014 at 00:55

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Treffen sich zwei Religionen

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Der Dalai Lama kommt nach Hamburg, und die katholische Tagespost mokiert sich über die asiatische Konkurrenz:

Der Dalai Lama wird wieder um seine Kernideen kreisen, wie dem Programm zu entnehmen ist.

Der Langeweiler, der. Wie anders doch das Christentum, das jährlich seine Kernideen wechselt und auch sonst durch sein abwechslungsreiches Animationsprogramm besticht!

Er wird „menschliche Werte“ lehren, und dabei über ein „Wertesystem“ sprechen, „das über die Religion hinweg gültig ist und alle Menschen“ eint. Dazu gehören „Gewaltlosigkeit, Toleranz und Vergebung“.

Und man sieht den Autor der Tagespost förmlich vor sich, wie er aufspringt und mit großer Geste befiehlt: “Bringt mir alle Anführungszeichen, die wir haben! Alle!” – “Aber Sir, die Maschinen machen das nicht mit!” – “Es geht ums Ganze! Menschliche Werte! Gewaltlosigkeit, Toleranz und Vergebung! Über die Religionen hinweg gültig! Was nicht gar? Welche Anmaßung, universelle Behauptungen aufstellen zu wollen!” Und dann, plötzlich wieder leiser, mit gefährlicher Ruhe, folgert er:

Warum er dann noch als Buddhist auftritt, wenn er etwas über die Religionen hinweg gefunden hat, bleibt unklar.

Da könnte er doch gleich Katholik werden. Aber wir haben ihn auf frischer Tat ertappt:

„Wenn wir als Menschen nicht in der Lage sind, unser Potenzial in heilsamer Weise zu nutzen, denke ich, wäre es für uns besser, gar nicht zu existieren. Dann könnten zumindest die anderen Lebewesen harmonischer leben.“ Der Dalai Lama will also selbst im Heilsgeschehen Regie führen und die Menschen zugunsten der Tiere und Pflanzen lieber beseitigen. „Manchmal denke ich: Wenn wir mit einem solch zerstörerischen Lebensstil fortfahren, sollten wir beten: „Hoffentlich geht dieses menschliche Leben bald zuende.“

Während der Autor noch zögert, ob der christlich konnotierte Begriff “Heilsgeschehen” hier wirklich stehen sollte, flutscht ihm ein zusätzliches Anführungszeichen vor das “Hoffentlich”. Aber den Dalai Lama hat er längst durchschaut:

Als einzigen Ausweg nennt der Dalai Lama dann natürlich doch den Buddhismus, der den Sinn habe, alle fühlenden Wesen zur Erleuchtung zu bringen. Also fordert der Dalai Lama die Alternative zwischen dem Buddhismus und dem Ende der Menschheit.

Ich wüsste schon, was ich wählen würde. Dass sich der Autor über diese Alternative entrüstet, als hätte der Heilige Cyprian nie “Extra ecclesiam salus non est” geschrieben und als stünden wir laut Katechismus nicht vor der simplen Wahl, Jesu Liebe anzunehmen oder auf ewig in der Hölle zu schmoren, muss uns nicht weiter bekümmern:

Das ist skandalös, misst man ihn an seinen eigenen Zielen von „Gewaltlosigkeit, Toleranz und Vergebung“.

Denn was kann der Aufruf zu einem Gebet anderes sein als ein Aufruf zur Gewalt?

 Der Ich-freie Zustand soll nach der Lehre des Dalai Lama in ein leidloses Leben führen: „Wir werden schrittweise einen Zustand erreichen, in dem wir völlig frei von unangenehmen Empfindungen sind; wir werden die Befreiung aus dem Daseinskreislauf erreichen.“ Das ist alles andere als die Gegenwart des Kreuzes.

Denn in der Gegenwart des Kreuzes, des bekannten Symbols von “Gewaltlosigkeit” (man erspare uns die ollen Kamellen von wegen Inquisition usw.), “Toleranz” (nicht Akzeptanz!) und “Vergebung” (ausgenommen die Sünde wider den Heiligen Geist), sind wir eben nicht frei von unangenehmen Empfindungen, und das ist gut so:

Der Buddhismus will gerade die Leiderfahrung beiseiteschieben, zumindest in den Worten des Dalai Lama. (…) Aber aus der Verringerung des Leidens folgt noch nicht die Lebenswirklichkeit, die wir in ihrer ganzen Fülle täglich bewältigen müssen. Darum sagt Geshe Thubten Ngawang auch: Die „Einstellung zu den weltlichen Dingen sollte so sein wie die Haltung einem längst Verstorbenen gegenüber, an den keine Anhaftung mehr besteht“, also kein Festhalten an irgendetwas. Damit sind aber nicht nur die irdischen Dinge gemeint, sondern auch jedes Verständnis von Gott, denn auch Götter sind im Buddhismus sich wandelnde und unerlöste Wesen.

Wenn jemand die Definitionsheit über das Konzept “Gott” hat, dann doch gewiss die Tagespost, und wenn es unechte Schotten gibt, so muss es auch unechte Götter geben. Und wie nennt man eine Religion, die mit falschen Göttern hantiert? Richtig:

Dieser atheistische Buddhismus wird in Hamburg gelehrt, die Kosten für die Teilnehmer sind nicht unerheblich. Je nach Sitzplatz müssen sie zwischen 110 und 390 Euro bezahlen.

Das ist natürlich übertrieben, musste man doch selbst für Papst Benedikt nur 23 Euro zahlen. (In London waren freilich 60.000 Besucher geplant, nicht bloß 7.000 wie in Hamburg; auch handelte es sich wohl um Stehplätze.)

Auch dass der Dalai Lama bloß Ethik und nicht Religion will, macht die Internetseite mit einem Zitat „Seiner Heiligkeit“ deutlich:

(Und ich hatte schon befürchtet, die Anführungszeichen wären ausgegangen.)

„Was wir heute brauchen, ist eine ethische Grundlage, die sich nicht auf Glaubenssysteme bezieht und daher sowohl für religiöse als auch nicht-religiöse Menschen annehmbar ist: eine säkulare Ethik.“ Die säkulare Ethik soll auch für die Religion verbindlich sein; dabei kann sie doch nur von säkularer Verbindlichkeit sein.

Nur säkulare Verbindlichkeit! Bloß Ethik! Pah! We stand with 2000 years of darkness and bafflement and hunger behind us!

Aber das stört den Dalai Lama nicht. So wie ihn auch die Genderdiskussion in Deutschland kaum berühren dürfte. Buddha ist in den Darstellungen ein männlich-weibliches Zwitterwesen – auch das kann als aktueller Beitrag zur „säkularen Ethik“ gesehen werden. Man wird sich in Hamburg also ganz über das Diesseits verständigen. Religion wird kein Thema sein.

Und während sich die Sonne über Würzburg senkt und der Autor dem Dalai Lama grollt, weil er die Religion nicht thematisieren will und sich nicht um die Genderdiskussion schert, wirft sein Profil harte, männliche Schatten auf das Bildnis der vor allem in Bayern noch verehrten Heiligen Wilgefortis. (Der Legende nach sollte sie verheiratet werden sollte und bat Gott, ihr Aussehen zu entstellen, worauf ihr ein Bart wuchs und ihr wütender Vater sie kreuzigen ließ - eine Legende, die u.a. durch missdeutete italienische Kruzifixbilder mit einem “femininen” Jesus inspiriert wurde.) Der Dalai Lama freilich weiß nichts von alledem, wenngleich ihn die Neuigkeit, dass Buddha, wenn schon sonst nicht, so doch in Bayern als Zwitterwesen dargestellt wird, amüsieren könnte. Auch das kann als aktueller Beitrag zur “religiösen Ethik” gesehen werden. Fakten werden kein Thema sein.

Written by recotard

15. April 2014 at 05:26

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Ein literarisches Bekenntnis zur Religiosität

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Sarah Blau war die einzige Schriftstellerin, die sich auf den Literaturtagen zu ihrer Religiosität bekannte. Sie las aus ihrem noch nicht ins Deutsche übersetzten Roman “Das Buch der Schöpfung”, in dem sich die 30-jährige Telma einen Golem erschafft, um ihre romantischen Bedürfnisse zu befriedigen. (welt.de)

Written by recotard

14. April 2014 at 07:38

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Religiöser Analphabetismus

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Martin Schmidt, Kirchenratspräsident evang.-ref. Kirche Kanton St. Gallen betonte die gute ökumenische Verbundenheit. Zu den anwesenden Religionslehrpersonen sagte er: «Ich freue mich, dass es Menschen gibt, die dem religiösen Analphabetismus entgegenwirken». Religionspädagoginnen seien keine «diplomierten Märchentanten» sondern qualifizierte Fachkräfte. (kath.ch)

Religiöser Analphabetismus – die Unfähigkeit, aus Eingeweiden zu lesen – ist in der Tat ein Problem. Man sollte über diese Dinge Bescheid wissen; sie zählen zum Grundstock unserer Kultur, und jeder sollte, gleich, wie er persönlich dazu steht, wissen, wie viele Gebote es gibt, aus wie vielen Personen die Trinität besteht und um der Ehre welches Propheten willen Gott zwei Bärinnen sandte, um wieviele Kinder zu zerreissen. Gerade dies, denn:

«Kinder haben ein Recht darauf, mit ihren Fragen nicht alleine gelassen zu werden», sagte Prof. Helga Kohler-Spiegel. Auch Florin Rupper unterstrich diese Aussagen.

An dieser Stelle sind Sie, liebe/r Leser/in, eingeladen, Ihr religiöses Wissen zu testen und die hier gestellten Fragen für sich zu beantworten. Wir spielen inzwischen ein wenig Musik.

Fertig? Hier ist die Auflösung: Es sind 12 Gebote, der Prophet hieß Elisa und zerrissen wurden 42 Kinder (Könige 2:23). Mit der Dreifaltigkeit aber ist es so:

Die Trinität ist eine. Wir bekennen nicht drei Götter, sondern einen einzigen Gott in drei Personen: die „wesensgleiche Dreifaltigkeit“ (2. K. v. Konstantinopel 553: DS 421). Die göttlichen Personen teilen die einzige Gottheit nicht untereinander, sondern jede von ihnen ist voll und ganz Gott: „Der Vater ist dasselbe wie der Sohn, der Sohn dasselbe wie der Vater, der Vater und der Sohn dasselbe wie der Heilige Geist, nämlich von Natur ein Gott“ (11. Syn. v. Toledo 675: DS 530). „Jede der drei Personen ist jene Wirklichkeit, das heißt göttliche Substanz, Wesenheit oder Natur“ (4. K. im Lateran 1215: DS 804).
Die drei göttlichen Personen sind real voneinander verschieden. Der eine Gott ist nicht „gleichsam für sich allein“ (Fides Damasi: DS 71). „Vater“, „Sohn“, „Heiliger Geist“ sind nicht einfach Namen, welche Seinsweisen des göttlichen Wesens bezeichnen, denn sie sind real voneinander verschieden: „Der Vater ist nicht derselbe wie der Sohn, noch ist der Sohn derselbe wie der Vater, noch ist der Heilige Geist derselbe wie der Vater oder der Sohn“ (11. Syn. v. Toledo 675: DS 530). Sie sind voneinander verschieden durch ihre Ursprungsbeziehungen: Es ist „der Vater, der zeugt, und der Sohn, der gezeugt wird, und der Heilige Geist, der hervorgeht“ (4. K. im Lateran 1215:DS 804). Die göttliche Einheit ist dreieinig.

Hätten Sie’s gewusst?

Written by recotard

14. April 2014 at 05:28

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Wie heute gekreuzigt wird

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Die seit 1948 erscheinende katholische Tagespost, die doch bessere Zeiten kennt, berichtet unter dem Titel Wie heute gekreuzigt wird:

Mit seiner Kritik an der Diktatur des Einheitsgedankens, der die Freiheit der Völker, die Freiheit der Menschen und die Freiheit des Gewissens steinigt, die Beziehung der Menschen mit Gott und eine Gefahr für viele Völker der Erde sei, erinnert Papst Franziskus daran, dass Religionsfreiheit keine Selbstverständlichkeit ist. (…)
Namentlich prangert die Papst diejenigen an, die finanzielle Hilfen an systemkonformes Verhalten koppeln.

Das geht natürlich nicht gegen Griechenlandhilfe oder Hartz IV-Praxis, sondern gegen die Kondome:

Vielerorts sind Familienplanungsprogramme und Gesundheitsvorsorge oft nicht uneingeschränkt mit dem christlichen Menschenbild vereinbar. (…)
Dass der Fingerzeig des Papstes jedoch hoch aktuell ist, zeigte sich kürzlich in Münster. Dort erinnerte der Erzbischof von Abuja daran, dass in seiner Heimat Nigeria auch christliche Hilfsorganisationen aus dem Ausland auf Respekt vor dem katholischen Glauben und der Lehre der Kirche geprüft würden.

Nigeria, Nigeria… da war doch etwas? Richtig:

Wer eine gleichgeschlechtliche Liebesbeziehung hat, muss jetzt für bis zu zehn Jahre ins Gefängnis. (taz.de)

Und der Erzbischof von Abuja, Kardinal John Onaiyekan, den die Tagespost so beifällig zitiert, hatte die Gesetzesverschärfung begrüßt:

Onaiyekan frowned at proponents of homosexuality, noting that they had held parts of the world hostage with their evil beliefs for too long. He said it was time for believers in the faith to rise in unison and put the debate of whether governments, globally, should guarantee the rights of gays or not, to rest.

Um das Bild abzurunden, müssen wir nur noch die Tagespost an ihr Redaktionelles Profil erinnern, wo sie schreibt:

Wichtiges Anliegen unserer Politik-Berichterstattung ist es, überall dort präsent zu sein, wo die Würde des Menschen verletzt, Menschenrechte missachtet oder Minderheiten bedroht und verfolgt werden.

Um nämlich Beifall zu klatschen.

Written by recotard

13. April 2014 at 21:02

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Der Vorwurf unwissenschaftlicher Arbeit und einseitiger Quellennutzung

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Karl-Heinz Deschner ist tot. Das “christliche Medienmagazin” pro-medienmagazin.de stiftet zu diesem Anlass folgende kleine Kostbarkeit (und wir zitieren wie immer wörtlich):

Anhänger lobten, dass er Laien erstmals erklärt habe, was sich tatsächlich hinter der Geschichte des Christentums verbirgt. Kritikerwie? gibt es prominente Kritiker, die man namentlich nennen könnte? warfen ihm vor, er arbeite unwissenschaftlich, benutze nur Quellen, die ihm nützen, und sei weder fähig, historisch zu denken noch zu urteilen.

Das christliche Medienmagazin gibt sich gewiss alle Mühe, aber was soll man machen, wenn man keine Quellen findet, die einem nützen, und weder historisch zu denken noch zu urteilen fähig ist.

deschner

 

 

Update 17:48: Der Text auf der Website ist korrigiert.

Written by recotard

10. April 2014 at 16:24

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Über Linhard von Roseneck 1: Die ältesten Zeugnisse

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(An dieser Stelle werde ich, soweit meine Zeit es zulässt, Teile einer z.Z. sehr fragmentarischen volkskundlichen Arbeit veröffentlichen, deren Thema – das freilich nur mühsam herauszuarbeiten ist – mich juckt. Einige Eigennamen habe ich verändert, Fußnoten nicht mit aufgenommen.)

Mechthild, die Äbtissin des Zister­zienserklosters Frauen­meiler/Westfalen (gestorben 1281), verfasste eine Schrift, in der sie sich vor­setzte, sämtliche ihr be­kann­ten Ketzereien zu widerlegen. Im 19. Jahrhundert wurde dieser offenbar Frag­ment gebliebene Text – Refutatio, also »Widerlegung« genannt – von Alfred Hatzel (auf den ich bei anderer Gelegenheit eingehen werde) in der Klosterbibliothek von Frauenmeiler gefunden. Hatzel exzer­pierte ihn, nahm jedoch keine wissenschaftliche Aufarbeitung des Fundes vor. Als das Kloster im 2. Welt­krieg zerstört wurde, ging auch die Kloster­bibliothek in Flammen auf. Die nachstehenden Aus­züge der Refutatio müssen deshalb bei allen Vorbehalten nach Hatzels Übersetzung und Para­phra­sierung in seinen Volks­thüm­lichen Denk­würdigkeiten (1853) wieder­gegeben werden.

Linhard von Roseneck (ca. 1185 bis 1231), in Neinstedt nahe Qued­lin­burg geboren und aus ärmlichen Verhältnissen stammend (ein Adelsgeschlecht derer von Roseneck ist für Ort und Zeit nicht dokumentiert), galt als visionär begabtes Wunderkind. Angeblich im Alter von 20 Jahren bereits Abt eines nicht näher be­­zeichneten Klosters, fiel er – zumindest nach Ansicht der Kirche – vom wahren Glauben ab.

Er scheint mit fleischlichen Begierden gerungen zu haben; Mechthild be­schreibt seine Seele als »einen schrecklichen Sturm, umhüllt von ewiger Nacht«, und berichtet, dass er aus Verzweiflung begann, »seine Hände und Arme zu zer­fleischen und mit den Zähnen bis auf die Knochen zu zernagen«. Über seine äußere Erscheinung heißt es:

Er war jung, trug kurze, braune Haare und einen geschorenen Bart, war groß und schlecht gekleidet, ging sehr geschwind und selbst im Winter barfuß, Gebärden und Augen war in steter Bewegung wie ein stür­misches Meer. Mit offener Miene verband er eine erschütternde Stimme und führte eine ganz un­ge­wöhnliche Lebensweise, denn gewöhnlich schlief er nur tagsüber und unter freiem Himmel.

In Briefen, so Mechthild, berichtet er von dunklen Visionen, deren Bot­schaft sich ihm nur allmählich erschlossen zu haben schien; sprach er anfangs noch von temptationes satani, teuflischen Versuchungen, ver­schwin­det der Teufel später aus seinen Briefen und macht der bangen Frage Platz: quis est iste qui venit: wer ist es, der da kommt?

Schließlich aber scheint Linhard eine Antwort auf diese Frage gefunden zu, und eben diese Antwort, oder genauer: deren Ver­öffent­lichung, durch Schrift oder Predigten, war es, um deretwegen Linhard schließlich als geistes­krank er­kannt und im Kloster in Ketten gelegt wurde, wo ihm die Novizen Streiche spiel­ten und Hunde seine Kleidung zerrissen.

Erst schrie Linhard, begann dann aber unter Tränen zu lachen (»wie auch die Tränen des bösen Feindes niemals von Reue zeugen«), und Hass und Ver­ach­tung seiner Mitbrüder wich einer fast abergläubischen Angst: »Füttert ihn, doch fürchtet ihn, und wendet euch ab, damit er nicht auf jemanden sehe oder ihn mit Worten verführe.«

Es kam zu einem Prozess gegen Linhard; jedoch soll er einen Bischof von seiner geistigen Gesundheit überzeugt haben, sodass er mit dem Leben davon­kam und lediglich nach Frauenmeiler verbannt wurde. Dies ist freilich eine offensichtliche Ausschmückung: Um seine Freiheit wiederzuerlangen, hätte Lin­hard den Bischof vor allem von seiner Rechtgläubigkeit überzeugen müssen. Nach einer anderen Version wurde Linhard, »wie unverständige Männer schwätzen« (Mecht­hild), aus dem Kloster verstoßen, »als man erkannte, dass ihm das Zeugungs­glied ermangelte«. Was – sofern sich tatsächliches Geschehen hinter dieser Episode verbirgt – tatsächlich geschehen ist, bleibt unklar; vielleicht wurde er als Störenfried schlicht unzeremoniell aus dem Kloster geworfen.

Mechthild ver­merkt tadelnd, dass er dieses »Abschieben« (Frauenmeiler bestand im 13. Jahrhundert aus kaum mehr als einer Handvoll Höfe) mit deutlicher Er­leich­terung, als eine halb freiwillig angetretene Anachorese, hinnahm. Sie zitiert ihn mit den Worten »O quantos sentio vermii filios, quibus loqui non patior!« -  Oh, bei wie vielen spüre ich, dass sie Söhne der Würmer sind, mit ihnen zu reden ertrage ich nicht!

In Frauenmeiler zog er nachts über die Felder, liebte es, in Friedhöfen »Gespräche mit den Toten« zu führen (möglicherweise ein versteckter Hinweis auf eine unautorisierte Predigttätigkeit) und verfasste zwei häretische Werke: Larua carnis (»Spuk des Fleisches« – hieraus soll das Wort »Die Seele ist nur Spuk des Fleisches, und das Fleisch ist nur Speise des Todes«, anima larua carnis, et caro cibaria mortis, stammen) und Ars miserendi (»Leidens­kunst«, ab­ge­leitet von Ars moriendi, die Kunst zu sterben, dem Standardtitel der im Mittel­alter populären »Sterbe­bücher«, die dem Gläu­bigen Hinweise über gott­gefälliges Leben und Anfechtungen in der Ster­be­stunde gaben). Beide Texte scheint Mecht­­hild nur vom Hörensagen zu kennen. Außerdem versammelte er eine kleine Gruppe von Anhängern um sich, deren genaue Glaubensinhalte im Dunkel liegen. Ein Gebet, das er sie gelehrt haben soll, teilt Mechthild nicht mit, »damit das Gräuel nicht auf seinem Weg in die Vergessenheit gehindert werde«.

Linhard lebte von den Almosen seiner Anhänger, auf freiem Felde. Er schien sich vorgenommen zu haben, nie wieder ein Dach über sich zu dulden: Nicht nur mied er Kirchen, auch in die Häuser der Dörfer ließ er sich nicht einladen, »selbst Höhlen galten ihm als unrein«, und als man ihm zum Schutz gegen die Witterung eine Hütte errichten wollte, lehnte er diese Zumutung wütend ab – wie auch jede über das notwendigste Maß hinausgehende Kleidung. Mechthild bemüht sich vergeblich um eine Er­klärung für dieses Verhalten; ob Linhard meinte, über die wilden Tiere gebieten zu können, oder ob er sich durch die Unbilden der Natur quasi selbst geißeln wollte, vermochte sie nicht zu sagen. (Dass ihm ein Sarazenenknabe oder gar eine Katze mit menschlichem Angesicht als Ver­körperung des Bösen zugetan gewesen sei, vermerkt sie nur mit Vorbehalt.)

So lebte Linhard lange Jahre, von den Verständigen verlacht, wenn nicht mit Abscheu betrachtet, in Frauenmeiler und konnte, Selbst­gespräche mur­melnd, weinend, lachend oder sich schüttelnd, in Feldrainen, Pfützen oder Bach­­betten stehend angetroffen werden, wobei er wirre Sentenzen von sich gab:

»Vom Felde bin ich gekommen, aus dem Wald bin ich gekrochen, aus dem Sumpf habe ich mich geschleppt: Ihr Nackten, freut euch, peitscht euch mit dem Riemen, denn die Torheit nähert sich euch! Verlacht euch selbst, entblößt euch wie die Welt und quält den Feind, der euch quält, in euch.«

Seine Schüler unterwies er vorzugsweise in Regen, Sturm und Finsternis als Sinnbild für den inneren Zustand des Menschen:

»Höret das Weinen des Himmels, nehmt es euch zu eigen und flüstert die Wahrheit in die Nacht. Vergesst nie, dass ihr elend seid, Söhne der Würmer und Enkel des Nichts.«

Schließlich wurde er krank, lehnte jedoch jede ärztliche Unter­stüt­zung ab. Von Frost und Fieber geschüttelt, wiederholte er nur wieder und wieder: er habe es gesehen.

Während sein verschmutzter Leib in diesem Taumel lag, schrieben Schüler hastig die wirren, mit hoher Geschwindigkeit ausgestoßenen Worte des De­li­rieren­­den mit, von denen wir einige Proben bereits ge­geben haben. Diese galten bei seinen Anhängern als Botschaften der höchsten Weisheit. Als eines Abends die Sonne hinter finsteren Wolken hervorbrach, starb der Un­glück­liche, mit dem Gesicht zur Erde gedreht, und manche sagen, eine schatten­hafte Ge­stalt hätte sich über ihn ge­beugt. Angstvoll warteten seine Anhänger einige Zeit auf seine Aufer­stehung, doch als sein Leib sicht­bar­lich Opfer des Un­ge­ziefers zu wer­den begann und seiner Leiche eine weißliche Flüssigkeit von ab­stoßen­dem Gestank entströmte, freuten sie sich darüber und lobpriesen den Tod und zer­streuten sich in alle Rich­tungen, um davon zu berichten und andere Menschen zu dem nämlichen Irrsinn zu verführen, von dem sie selbst um­fan­gen waren. Linhards Leiche indes ließen sie auf jenem Felde liegen, wo der Tod ihn ereilt hatte.

Linhard von Roseneck?

Linhard von Roseneck?

Und Mechthild schließt ihren Bericht mit der überraschenden Be­mer­kung: »Beatus homo qui semper est pavidus« – selig der Mensch, der immer furcht­sam ist.

Nach seinem Tode verschwindet Linhard von Roseneck aus der überlieferten Geschichte. Doch während die his­tori­sche Ge­stalt, von der Refutatio abgesehen, lange Zeit keine weiteren Spuren hinterlässt (eine angeblich von seinen Schü­lern ver­fasste Kom­­pi­la­tion, Hortulus vermiis, also »Wurm­gärt­lein«, ist, nicht weiter ver­wunder­lich, ver­schollen), so hat sie sich doch in der Gegend um Frau­enmeiler in der sagen­haften Figur des »Roseneck« (auch: Rosenegg, Rossen­eck, Rosseck) erhalten. Wir zitieren aus Karl Wehrhans Sammlung westfälischer Sagen; fast wort­gleiche Berichte bieten Zaunert u.a.

Man kann den Roseneck, mit einer schwarzen Kutte be­­klei­det, deren Kapuze sein Gesicht verhüllt, in kalten, hellen Näch­ten sehen; gerne sucht er in der Nacht vor einer Hoch­zeit die Braut­leute heim. Von jemandem, der schwer­mütig ist und nicht fröh­lich sein kann, sagt man: der Roseneck sitzt ihm auf, denn die Un­glücklichen, die ihm begegnen, ver­setzt er in Düsternis und Ver­zweiflung. Wenn man ihm begegnet, muss man den Kopf ab­wen­den und schnell weiter ge­hen. Einmal soll ein junger Bursche den Roseneck ge­fragt haben, ob man ihn denn erlösen könnte, der aber schüttelte nur stumm den Kopf, seufzte tief und ging weiter; der Bursche aber wurde krank und starb einen Monat später.
Wie viele nach ihrem Tod auf Erden wandelnde Un­glück­liche hat er propheti­sche Gaben: Wenn der Rosen­eck lacht, dann wird großes Unheil (Krieg, Seu­chen) über die Men­schen herein­brechen. So hörte ihn eine Magd, als sie eines Abends nach Ein­bruch der Dunkelheit am Friedhof vor­beiging, kichern und schmat­zen, worauf die Pest über West­falen kam und mit Aus­nahme einer einzi­gen Familie alle Be­wohner von Frauen­meiler dahin­raffte. Noch 1914 soll er den Weltkrieg ange­kün­digt haben.

Die historische Aussagekraft dieser generischen Geschichten ist freilich gering, und nach Mechthilds Fragment dauert es mehr als drei Jahrhunderte, bis Linhard wieder erwähnt wird: In Lehr-Sätze von der Atheisterey und dem Aberglauben mit gelehrten Anmerkungen erläutert des Philosophen und lutherischen Theologen Johann Franz Budde (der Zeitsitte gemäß latinisiert: Buddäus) (1667-1729). Sein kurzer Eintrag stellt die Rolle Gottes in Linhards Lehren merklich anders dar als Mechthild.

Im dreizehnten seculo florirte Linhart von Rosseneck, ein Philo­sophus, in­gleichen, wenn wir etlichen Glauben zustellen wollen, ein Er­finder neuer Lehren, der deswegen auch in die Rolle der Ketzer ge­zeichnet worden. Wo nun wahr ist, was von ihm vorgegeben wird, so ist wohl sein vornehmster Lehr-Satz, aus welchem als aus einem Brunnen seine übrigen Irrthümer geflossen zu seyn scheinen, gewesen: GOtt sey ein Verschlinger der Welten, welcher sich nur in­so­ferne um seine Geschöpfe bekümmerte, als sie ihm zur Atzung dienen kunnten. Dieses Verderben hat aber seinen Ursprung von der natürlichen Unart des Gramsinns, damit alle Menschen von der Erb-Sünd her an­ge­stecket sind; es wird nachmahls durch verschiedene Ursachen ver­mehret, bis es endlich aufs Äußerste kommt und den Menschen her­nach ins größte Elend stürzet, und ist seinesgleichen gewesen schon bei den alten Heyden, welche auch füglich von GOtt ausgelöschet wor­den seyn.

Written by recotard

6. April 2014 at 00:42

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Grenzen der Demokratie

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Das Forum deutscher Katholiken (Mitglieder im Kuratorium u.a.: Gerhard Ludwig Müller, Joachim Meisner, Norbert Geis, Gabriele Kuby) hat auf seiner Jahreshauptversammlung in Fulda eine Erklärung verabschiedet, von der mich nur ein Satz interessiert:

Demokratische Mehrheitsentscheidungen erfahren ihre Grenzen, wenn sie dem Naturrecht und der göttlichen Offenbarung widersprechen.

Meine Dankbarkeit gegenüber dem Forum deutscher Katholiken für diesen Satz, dessen Zitierung die Frage, was ich denn gegen die Religionen habe, schlüssig beantwortet, wird nur noch von dem Eifer übertroffen, mit dem ich mich daran setzen werde, niederzuschreiben, was Gott so offenbart. Ich verspreche, es wird unterhaltsamer als damals in Neu-England.

Written by recotard

4. April 2014 at 20:41

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